David Lynch: Crazy Clown Time (Kritik & Stream) - Rolling Stone






David Lynch Crazy Clown Time


Sunday Best / PIAS


von

Genauso stellt man sich ein Album des Regisseurs von „Lost Highway“ und „Mullholland Drive“ vor: expressiv flackernde Songschatten, irrlichternde Klänge, bedrohlich taumelnde Beats, Texte wie Albträume. Wenn jetzt ein zwergwüchsiger Clown mit einer Axt ins Zimmer käme und anfinge, in einer völlig unverständlichen Sprache rückwärts zu reden – es wäre keine Überraschung.

David Lynch hatte schon immer eine große Affinität zur Musik, und an vielen Soundtracks seiner Filme hat er selbst mitgewirkt. Der Song „In Heaven“ (aus „Eraserhead“) wurde von den Pixies und Tuxedomoon gecovert. Die langjährige Zusammenarbeit mit dem Komponisten Angelo Badalamenti war besonders fruchtbar und führte unter anderem zum wunderbaren „Love Theme From Twin Peaks“. Auch an dem von Danger Mouse und Sparklehorse initiierten All-Star-Projekt „Dark Night Of The Soul“ war Lynch beteiligt. Das Debütalbum war also längst überfällig, als echter „Auteur“ hat der Regisseur fast alles selber gespielt und gemacht.

Wer Lynch und seine filmischen Reisen in surreale Welten nicht mag,wird allerdings auch mit „Crazy Clown Time“ Probleme haben. Selbst wenn „Pinky’s Dream“ einen fantastischen Einstieg bietet: Die wie immer großartige Gastsängerin Karen O. haucht, stöhnt und heult sich durch ein vibrierendes Rock’n’Roll-Sumpfland. „The horror and sadness of losing someone to other dimensions“, kommentiert Lynch das Stück. Als hätten The Cramps einen neuen Soundtrack für „Last House On The Left“ eingespielt.

Das bereits als Single veröffentlichte „Good Day Today“ bemüht sich etwas zu sehr um den Dancefloor. In „So Glad“ erinnert Lynchs krächzender Nicht-Gesang ein wenig an den späten Daniel Johnston – obwohl dazwischen natürlich Welten liegen. „Noah’s Ark“ ist der pure Horror – und das ist als Kompliment gemeint. Der Song handelt von der Rettung durch Liebe, doch das mit gregorianischer Grundstimmung unterlegte heisere Geflüster Lynchs erinnert eher an einen Serienmörder, der sein Opfer durchs Telefon bedroht: „It’s dark, dark, dark, dark night.“ Auch wenn sich der Regisseur mit einem „Football Game“ beschäftigt, unterscheidet sich das Ergebnis deutlich von anderen Versuchen über das Thema. Aber vielleicht hat er das Spiel unter schweren Beruhigungsmitteln gesehen, zumindest klingt Lynchs Stimme nach einem besoffenen Hazil Adkins, der sich dazu noch eine Portion Barbiturate gegönnt hat: Zeitlupe’n’Roll.

Wie gesagt, „Crazy Clown Time“ ist nichts für jeden. Wem dagegen die hochgradig atmosphärische Aufarbeitung des amerikanischen Albtraums näher ist als die überzuckerte Glanzseite, der wird nicht enttäuscht. Über ein paar halbfertig klingende Stücke muss man allerdings hinweghören.

Beste Songs: „Pinky’s Dream“, „Noah’s Arc“

 


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