Depeche Mode Violator


Sony

Wer nicht dabei war, kann sich die Zeit des ungeduldigen Wartens nicht vorstellen: Im August 1989 veröffentlichten Depeche Mode die Single „Personal Jesus“, es war ihr erster neuer Song seit knapp zwei Jahren, das Ende ihrer bis dahin längsten Pause. Aber eine Ankündigung, wann das dazugehörige Album erscheinen sollte? Gab es nicht. Auch kein Internet, um sich wenigstens Gerüchte durchzulesen. Hölle.

„Personal Jesus“, produziert von Flood, ist bis heute das wohl bekannteste Lied des Techno-Blues: Ein nie zuvor gehörter, militärisch anmutender Drumbeat (der Legende nach hat die Band den Klang erfunden, als sie auf Koffern herumgesprungen ist), über den eine Cowboy-Gitarre gelegt wird, während Dave Gahan über die falschen Versprechungen von Telefonseelsorgern singt. Im dazugehörigen Clip ritten die Musiker auf Pferden durch eine Westernstadt voller Huren. Die Diskographie der Band enthielt ja seit 1981 einige Aufsehen erregende Singles. Am Ende des Jahrzehnts legten sie nun noch schnell ihre bislang beste vor.

Violator: Die Sixtinische Kapelle des Pop

Fünf Monate sollten nun wiederum vergehen, bis Depeche Mode mit der nächsten Vorab-Single „Enjoy The Silence“ ihre Popularität gar noch steigern konnten. Dann endlich, sechs Monate später, erschien im März 1990 endlich das Album „Violator“.

„Violator“ stellt nach Meinung der meisten Kritiker und Fans das beste Werk der Band dar. Sänger Dave Gahan sagt bis heute, dass die Leistung der Musiker unmöglich wiederholt werden könne. Das sei ja so, als hätte man Michelangelo gebeten, die Sixtinische Kapelle ein zweites Mal zu bauen.

Depeche Mode: David Gahan live at Nippon Budokan, Tokyo, September 11, 1990.

Mit „Personal Jesus“ und „Enjoy The Silence“ waren jedenfalls zwei Lieder schon bekannt. Nur sieben weitere sollte das Album beinhalten. Der Opener „World In My Eyes“ folgte dem Muster des anderen großen DM-Eröffnungsstücks, „Never Let Me Down Again“ aus „Music For The Masses“ (1987): Die bombastische Beschwörung einer Person, sich auf eine gemeinsame, spirituelle Reise zu begeben. Beide Lieder waren groß wie Gebirgsketten und die Band clever genug, dies in der Album-Konfiguration zu berücksichtigen. Auf keiner Platte hätte Track Nummer zwei solche Monumente toppen können, Martin Gore nimmt als Vokalist in „The Sweetest Perfection“ daher die Luft raus; es ist einer jener langsamen Songs, die Aufmerksamkeit für Details abverlangen. Sein zweites Lied auf der Platte, „Blue Dress“, ist noch schöner. Walgesang mit Westerngitarre in Zeitlupe, und alles dreht sich nur um den simplen Wunsch, dass die Angebetete ein ganz bestimmtes Kleid trägt. Depeche Mode, so fokussiert wie selten.

„Enjoy The Silence“ natürlich ist ihr bis heute beliebtestes Stück, ein Gute-Nacht-Gebet mit House-Beat. Auch das Video mit Dave Gahan als einsam wandernder Landschaftskönig wurde hundertfach kopiert. Nach den eher aggressiv klingenden Singles der vorherigen Jahre war dies ein selbstbewusstes Zeichen der Zurückhaltung. Angeblich hatte Gore ursprünglich geplant, das Lied von ihm gesungen und nur mit dem Harmonium begleitet herauszubringen. Arrangeur Alan Wilder hatte sich das angehört und Gore dann gebeten, etwas mit dessen Version anstellen zu dürfen. Der Rest ist Geschichte.

Ihre wohl bedeutendste Zeit hatten Depeche Mode zwischen 1986 und 1993, in dieser Zeit veröffentlichten sie „Black Celebration“, „Music For The Masses“, „Violator“ sowie „Songs Of Faith And Devotion“. Im Vergleich zu den anderen drei Platten fällt „Violator“ vielleicht etwas ab, weil das verbindende Thema der Songs fehlt. „Black Celebration“ (1986) verhandelte Lust und Religion, gesungen von jungen Männern Anfang 20, die noch, im besten Sinne, wie Teenager klingen konnten.  „Music For The Masses“ (1987) war so großartig, weil diese Indie-Band hier erstmals Stadionluft schnupperte und Stücke wie „Behind The Wheel“ trotzdem keine Anbiederung waren.

Ein zeitlos klingendes Werk

„Songs Of Faith And Devotion“ (1993) schließlich bot das große Drama, Depeche Mode waren längst Rock, der heroinabhängige Gahan hätte sich aber gerne in den Gospel geflüchtet; in die Rolle des spirituell Erleuchteten schlüpft der Sänger jedenfalls bis heute. „Violator“, drei Jahre vor „Faith and Devotion“ erschienen, funktioniert deshalb vielleicht auch als Vorbereiter auf dieses neue Selbstverständnis.

Das Klangbild des Albums aber ist heute noch so frisch wie damals. Depeche Mode widerstanden allen Trends: House, Acid, Rave. Wer „Violator“ 1990 auflegte, genoss eine hochmoderne Platte. Wenn man sie 1994 auflegte, hörten die Songs sich immer noch zeitlos an. Wer das Album 2001 entdeckte, könnte schon nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wann sie erschienen war, so einzigartig klang sie. Würde „Violator“ 2017 erstmals veröffentlicht werden, könnte es die Produktion mit allen anderen des Jahres aufnehmen.

Für ein teil-elektronisches Album eine unfassbare Leistung. Alles Gute zum 27. Geburtstag!

https://www.rollingstone.de/depeche-mode-clubkonzert-in-berlin-bei-uns-koennt-ihr-spirit-tickets-gewinnen-1209801/

Shinko Music Getty Images

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