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Alle Alben von Depeche Mode im Ranking


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14. Delta Machine (2013)

Euphorisiert sprach Dave Gahan von den Gefühlen, die es so zuletzt auf „Songs of Faith and Devotion“ (1993) gegeben habe: Soul, Gospel, der „erdige Klang.“ Doch im letzten von drei für Depeche Mode produzierten Werken hinterließ Produzent Ben Hillier dann doch wieder jene dünnen Electro-Gerüste, bei dem Schläge aufs E-Drum wie Kissenschlachten klingen.

Dazu gibt es die typisch gewordenen gurgelnden, flirrenden Störgeräusche, die die Band vor allem für jene Songs nutzt, deren Melodien alleine nicht tragen. „SOFAD“-Produzent Flood, der an der Schlussabmischung beteiligt war, hinterließ keinen bleibenden Eindruck.

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Enttäuschender sind die Melodien. Die vier Singles beschreiben die traurigste Reihe an Auskopplungen, die Depeche Mode sich bislang geleistet haben. „Heaven“ mit seinem Blues-Standard-Akkordmuster machte den Auftakt, „Soothe My Soul“ ist Stadionstampfer ohne echten Refrain, „Should Be Higher“ wie ein langsamer, ausdauernder Wassertropfen, das Western-artige „Goodbye“ klang wie ein Abschied.


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In der Konfiguration ihrer Album-Tracklisten stoßen drei Interessen aufeinander, vor allem die Martin Gores und Gahans. So lässt sich vielleicht erklären, dass es einige Lieder nur auf die Special Editions ihrer Platten geschafft haben. Warum jedoch Skizzen wie „Slow“ oder „Alone“ den Vorzug gegenüber „All That’s Mine“, „Happens All The Time“ oder „Always“ (vielleicht der aggressivste Song, bei dem Gore Solo-Vokalist ist) erhalten haben, kann einen nur verwundern. „Welcome To My World“? Ist als Einladungsstück nur halb so gut wie „World In My Eyes“.

13. Spirit (2017)

Depeche Mode: „Spirit“

Ihre mutigste Platte, weil Depeche Mode so politisch wurden wie zuletzt bei „Some Great Reward“ von 1984 („People Are People“). Donald Trump verärgerte die Wahl-Amerikaner Gahan und Gore. „Spirit“ ist für sie Einstellungssache: gegen Rassismus und Faschismus.


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Es kann keine Messungen darüber geben, ob die zehntausenden Stadionbesucher ihrer Konzerte, einige davon lediglich Fanatiker beliebiger Groß-Events, die Botschaften von „Where’s The Revolution“ und „Poorman“ verstehen bzw. als Lebensvorschlag annehmen können. Das muss in der Bewertung einer Platte auch nicht ausschlaggebend sein. Aber wie beim Vorgänger „Delta Machine“ entsteht der Eindruck, dass die Musiker ihre beste Zeit als Komponisten hinter sich haben. „You Move“ oder „No More (This Is The Last Time)“ sind klassisches To-Skip-Material.

 

Martin Gore, der endlich wieder zwei statt nur ein Gesangsstück beiträgt, setzt die wenigen Akzente. „Eternal“ beschwört jenes Feeling der 1980er-Jahre, als der Atomkrieg drohte. Hätte auch zu „Construction Time Again“ von 1983 gepasst.

12. Sounds Of The Universe (2009)

„Delta“ war der Soul, „Spirit“ die Politik, dies ist der Weltraum: Für seine kosmischen Töne ersteigerte Martin Gore auf Ebay etliche alte, analoge Synthesizer. Jeder Ton wirkte nun so monolithisch, als wäre er auf haushohen Instrumenten der 1970er-Jahre eingespielt worden. Die „Klänge des Universums“ spiegelten auch Gores religiöse Seite wider. Den Songtexten ab 1981 an zu urteilen ändert sich seine Einstellung zu Spiritualität und Himmelsraum immer mal wieder, in „Little Soul“ beschwört er jedenfalls die Einigkeit von Individuum und All. Das Ganze ist in uns, und wir sind das Ganze:  „I’m channeling the universe / It’s focusing its love inside of me /A Singularity“.


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„Little Soul“ ist Höhepunkt der Platte, weitere sind „Peace“ sowie „Corrupt“, das eine der wenigen Nicht-Singles von Depeche Mode sein dürfte, die ihre Livepremiere nicht bei der damals aktuellen Tournee feierten, sondern zwei Konzertreisen danach („Global Spirit“). Überhaupt entdeckte die Band dieses Album, das bald auch schon zehn Jahre auf dem Buckel hat, wieder. Neben „Little Soul“ und „Corrupt“ spielten sie auch „Wrong“ zuletzt live.

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Zum Rest des Albums haben Depeche Mode weniger Zutrauen gehabt. „Fragile Tension“ ist eine der wenigen Auskopplungen  ihrer Karriere, die schon auf der aktuellen Tour so gut wie nie gespielt wurden. „Jezebel“ erhält durch den Bontempi-Rhythmus eine unnötige Verharmlosung. Der Bonustrack „Oh Well“ erlangte Bekanntheit als rare Gemeinschaftskomposition der beiden DM-Chefs und war dennoch typisch für diese Ära – Gahan lieferte eine unausgereifte Melodie, Gore legte Techno drunter, der den Electro des „VCMG“-Albums „Ssss“ von 2011 vorwegnahm.

Die „Universe“-Opener „In Chains“ und „Hole To Feed“ zählen zu solchen Live-Songs, die, wie auf Platte, auch live die ersten zehn Minuten einnehmen, von denen aber jeder weiß, die Musiker doch auch, dass sie nach der Tour nie wieder aufgeführt werden. Wieso tun sie sich – und uns – das an?

11. Exciter (2001)

Depeche Mode waren immer dann am besten, wenn sie einen eigenen Sound entwarfen, statt sich auf dem Markt nach dem heißesten Scheiß umzuschauen. Mit dem Warp-Mann Mark Bell holten sie sich einen Produzenten, der ihren Songs einen leichten Club-Einschlag verpasste. „ I Feel Loved“ ist stumpfer Techno, „The Dead Of Night“ dank Zeilen wie „We’re In The Zombie Room!“ Geisterbahn-Musik für Neunjährige.

Der – fahrig gesungene – Dancepop-plus-Akustikgitarre von „Dream On“ teilt sich mit „Where’s The Revolution“ den ersten Platz ihrer schlechtesten Vorabsingle (kurioserweise die zweite von nur zwei Nummer-eins-Singles der Band in Deutschland). Alle drei Songs sind komplett aus dem Leben von Depeche Mode verschwunden. Es juckt einen in den Fingern, der Albumtitel lädt zu einem ironischen Wortspiel ein. „Exciter?“ Andererseits hat die Band in ihren Titeln immer mit Übertreibungen gearbeitet.


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Die Höhepunkte finden sich vor allem auf der zweiten „Exciter“-Hälfte, und die sind umso beeindruckender. Martin Gores Stücke „Breathe“ und „Comatose“ sind so intim wie ergreifend, und gerade im Fall von „Breathe“ im richtige Moment monumental. „Good Night Lovers“, das Gore und Gahan live auch schon mal Rücken an Rücken sangen, ist als Einschlaf-Liebeslied von ihnen bislang nicht übertroffen worden.

Die Bonus-Disc des 2007er-Reissues beinhaltet Alternativ-Versionen zweier ebenso großer Stücke. Der Single-Mix von „Freelove“, produziert von Flood, hat keine Gitarre, aber den Drive. Das hätte nicht die dritte, sondern erste Auskopplung sein müssen. Und das Instrumental „Easy Tiger“, regulär nur etwas mehr als zwei Minuten lang, entfaltet hier volle magische Länge.

10. Playing The Angel (2005)

Wenn „Ultra“ von 1997 den bedrückenden Herbst ihrer Karriere einläutete, erschien dieses acht Jahre später veröffentlichte Werk nochmal wie ein letztes Aufbäumen in der Midlife Crisis. Anton Corbijn verpasste Depeche Mode eine Art Ufo-Bühne, und Martin Gore lief wie die Figur auf dem Albumcover herum: im Spacevogel-Kostüm.

Die vier Singles funktionierten. Mit „A Pain That I’m Used To“, vor allem aber „John The Revelator“ evozierten DeMo das alte „Black Celebration“-Gefühl der Bretthärte. An Gahans Stimme kam kein anderer vorbei. Durch seine Soloalben bestärkt, bestand er, mit 43 Jahren, erstmals auch auf die Berücksichtigung selbstverfasster Songs. „Suffer Well“ muss sich hinter Gores Liedern nicht verstecken.


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Natürlich enthält auch „Playing The Angel“, wie alle späteren Alben, Käse. „The Sinner In Me“, „Nothing’s Impossible“ und „Lilian“. „Precious“ erinnert an „Enjoy The Silence“, was sehr schön sein kann – oder sehr schlecht, da der bessere Song mitschwingt. Als Lied war „Precious“ Gore wichtig, da es die persönliche Krise seiner damaligen Zeit, Trennung von Ehefrau, Vernachlässigung des Kindes, beschreibt.

Mit „Macro“ widmet Gore sich, wie später in den „Sounds Of The Universe“, der Singularität: „See the microcosm / In macro vision / One universal celebration /One evolution / One creation.“ In „The Darkest Star“ geht er noch ein Stück weiter, und es ist unter allen bis heute nicht live aufgeführten der vielleicht beste: ein Ende wie der Sog in ein schwarzes Loch.

09. Ultra (1997)

Das neunte Studioalbum von Depeche Mode würde den Auftakt für zwei bis heute geltende Regelmäßigkeiten bilden. Erstens, eine neue DM-Platte erscheint exakt alle vier Jahre, und zwar ein Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft. Aufnehmen, touren, runterkommen. Zweitens, aus Klangschöpfern und Vorreitern wurden Mitbewerber: Depeche Mode spielten in der elektronischen Musik weiter eine Rolle, schritten aber nicht mehr voran, sondern suchten sich Produzenten, die für aktuelle Strömungen stehen. Alan Wilder fehlte hier.


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Mit Tim Simenon, in den 80er-Jahren Kurzzeit-Wunderkind von Bomb The Bass, suchte Martin Gore sich zumindest einen Produzenten aus, auf den keiner gekommen wäre. Simenon aber probierte sich an einem Sound, der zwischen Dirty Electro und Bristol changierte. „Home“, der vielleicht beliebteste Song von „Ultra“, erinnert mit seinen Streichern an den leicht künstlich wirkenden Orchesterklang von Massive Attack, Gores Stimme hüpft dazu wie die von Erasure-Sänger Andy Bell. Es war einfach alles viel zu dünn auf dieser Platte.

Keinen Zweifel ließ Dave Gahan daran, dass er sich fortan als Überlebender sieht. Aber als Überlebender, der die ihm von den Medien zugeschriebene Opferrolle nicht annimmt. Kollege Gore schrieb ihm dazu den entsprechenden Text auf die Brust: „Whatever I’ve done/ I’ve been staring down the barrel of a gun / Is there something you need from me / Are you having your fun /I never agreed to be /Your holy one.“ Im Video von „Barrel of a Gun“ malten die Musiker sich Augen auf ihre Augenlider: Menschen, die die Augen vor der Welt verschließen, ohne dass die Welt das bemerken soll.

Es sind die kleineren Songs, die nichts von ihrer Lebendigkeit verloren haben, auf jenem Werk, in dem es vor allem ums Überleben geht. Gores „The Bottom Line“ etwa, auf dem Can-Drummer Jaki Liebezeit eher unbemerkt zu hören ist, die auffallende Unauffälligkeit aber sicher in dessen Sinne ausfiel. Dazu „Freestate“ und „Insight“, das von dem Geräusch eines klopfenden Herzens geprägt ist; Gahans Versicherung „The Fire Still Burns“ nimmt jedoch die späteren eigenen, eher simplen Songtexte vorweg.

08. A Broken Frame (1982)

Das zweite Album gilt als schlechtestes der frühen Depeche Mode, als Versuch altersweise zu klingen, aber doch nur Teenager-Begehren zu sein. Das wird dem Versuch, nach dem Abgang des Pop-Idealisten Vince Clarke das Quartett neu aufzustellen, nicht gerecht. Am Ende von „A Broken Frame“ würden Depeche Mode ihren bis heute prägendsten Instrumentalisten gefunden haben: Alan Wilder. Und Martin Gore rückte auf, er war nun Songschreiber. Schönere Stücke als er könnte Clarke nie schreiben.


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Bis auf „Leave in Silence“ schafft es keiner der Songs mehr in die heutigen Konzerte, aber dieses frühe Meisterwerk trug alles in sich, was Depeche Mode ausmacht, Trauer, Desillusionierung, Einzelgängertum: „I would stop this thing from spreading like a cancer / What can I say? (I don’t want to play) anymore“. „Leave in Silence“, „See You“, selbst das zwangsoptimistische, fast wie Beach Boys der 1980er klingende „The Meaning Of Love“ waren die herausragenden Songs der Platte.

Das – auf historisches Foto getrimmte – Cover deutete bereits auf die später weiter entwickelte Vorliebe für osteuropäische/russische Bildsprache hin.

07. Speak & Spell (1981)

Der Pop von 1981 war pessimistisch und hart. Es gab Kraftwerk mit „Computerwelt“, Sioxusie and the Banshees („Talk Talk Talk“), Devo mit „New Traditionalists“, Gary Numans „Dance“, Ultravox („Rage in Eden“), Heaven 17 mit „Penthouse and Pavement“ und „Movement“ von New Order. Sogar Abba hatten mit „The Visitors“ ein trauriges Album vorgelegt.

Dazwischen Depeche Mode, die aus heutiger Sicht die knallharten Ledermänner unter all diesen Bands wären, mit ihrem Debüt aber noch das Konzept von Vince Clarke verfolgten, der sie bald verlassen würde. „New Life“ und „Just Can’t Get Enough“ sind die fröhlichen Songs, mit denen das Quartett aus Basildon auf sich aufmerksam machte. Etliche Videos aus dem Jahr dokumentieren, welchen Spaß die Grünschnäbel auf der Bühne hatten, ob live oder Playback, sie brachten die Synthesizer zum Tanzen.


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Geschmackskontrolle war schon in den Anfängen vorhanden, ihre allererste Single, „Dreaming Of Me“, wollten Depeche Mode gar nicht auf ihrem Erstling haben (dabei ist das Lied gar nicht so übel). Martin Gore, der danach zum DM-Chefsongschreiber aufsteigen würde, komponierte bereits mit. Das erste von ihm selbst gesungene Stück, „Any Second Now (Voices)“, wird jedoch Vince Clarke zugerechnet.

Hätten DeMo sich hiernach aufgelöst, wären sie in ganz anderer Erinnerung geblieben – jedoch auch nicht in schlechter.

06. Construction Time Again (1983)

Mit Gareth Jones als Produzenten und den Einstürzenden Neubauten im Sinn konstruierten Depeche Mode das sie in den 1980er-Jahren prägende Image: Blick auf globale, soziale Ungerechtigkeiten, martialische, metallische Klänge, Dave Gahan im Bariton. Um die Stimmung ihres dritten Albums zu halten, ließen sie auch hier eine voran gegangene Single weg („Get The Balance Right!“).


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Nur zwei Singles koppelten sie international aus, das  große „Love, In Itself“, hat die Band bis heute nicht mehr beachtet. Das noch größere „Everything Counts“ machte Depeche Mode in größerem Kontext, als politische Skeptiker bedeutsam („The grabbing hands /Grab all they can /All for themselves after all“). „Everything Counts“ würde die Musiker in den folgenden 35 Jahren noch lange begleiten, live als im Chor mit dem Publikum gesungenes Schlussstück ( bei der „Music For The Masses“-Tour und in „101“ verewigt), zuletzt auch bei der „Spirit“-Konzertreise. Es passt zu jeder Zeit, und Depeche Mode dokumentieren mit diesem Lied ihre bereits schon früh ausgebreiteten Stärken.

05. Some Great Reward (1984)

Bis heute existiert das lustige Gerücht, dass all die Maschinenklänge, das Seufzen, Hämmern und Pressen auf „Some Great Reward“, eigentlich den Einstürzenden Neubauten vorbehalten waren. Blixa Bargeld soll mit den Sounds, die Produzent Gareth Jones mit ihnen erarbeitet hatte, nicht einverstanden gewesen sein. Und so habe Jones sie für Depeche Mode verwendet, als sie mit ihm in den Berliner Hansa Studios 1984 Teile von „Some Great Reward“ aufgenommen hatten.


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Auf „People Are People“, der den Briten ihre erste Nummer eins in den deutschen Single-Charts brachte, hören wir diesen cleveren Zusammenschnitt aus Tockern und Schlagen, Aufeinanderprallen und Ablösen, Metall auf Metall, dazwischen Luft. Alles ergibt einen ganz eigenen, von niemand anderem je reproduzierten Rhythmus; bei „Blasphemous Rumours“ scheinen die Musiker gar auf Stahlplatten einzuhauen. „Something To Do“ eröffnet die Platte mit einer Art bösartig klingendem Wasserstrahl. Depeche Mode wurden endgültig zu einer dunklen Band, bis zu „Home“ von 1997 sollten sie kein optimistisches Stück mehr veröffentlichen.


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„Some Great Reward“ war der endgültige Durchbruch für den schüchtern wirkenden Martin Gore. Stammten die Lieder eh schon seit Jahren nur aus seiner Feder, veröffentlichte die Band mit „Somebody“ auch die erste Single mit ihm als Leadsänger (Doppel-A-Seite mit „Blasphemous Rumours“). Die Klavierballade ist jedoch nur vordergründig freundlich; in der zweiten Songhälfte macht Gore sich gar lustig über den Schönklang: „though things like this make me sick / in a case like this I’ll get away with it.“

Wer Depeche Mode auf ihrer „Some Great Reward“-Tour live sah, durfte sich auf die volle Ladung Werkzeuge und Apparaturen gefasst machen: Metallrohre, Wellblech und Fahrradreifen.

04. Violator (1990)

„Personal Jesus“ ist das wohl bekannteste Lied des Techno-Blues: Ein nie zuvor gehörter, militärisch anmutender Drumbeat (der Legende nach hat die Band den Klang erfunden, als sie auf Koffern herumgesprungen ist), über den eine Cowboy-Gitarre gelegt wird, während Dave Gahan über die falschen Versprechungen von Telefonseelsorgern singt. Im dazugehörigen Clip ritten die Musiker auf Pferden durch eine Westernstadt voller Huren. Die Diskographie der Band enthielt ja seit 1981 einige Aufsehen erregende Singles. Am Ende des Jahrzehnts legten sie nun noch schnell ihre bislang mutigste vor.


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Der Opener „World In My Eyes“ folgte dem Muster des anderen großen DM-Eröffnungsstücks, „Never Let Me Down Again“ aus „Music For The Masses“ (1987): Die bombastische Beschwörung einer Person, sich auf eine gemeinsame, spirituelle Reise zu begeben. Beide Lieder waren groß wie Gebirgsketten und die Band clever genug, dies in der Album-Konfiguration zu berücksichtigen. Auf keiner Platte hätte Track Nummer zwei solche Monumente toppen können, Martin Gore nimmt als Vokalist in „The Sweetest Perfection“ daher die Luft raus; es ist einer jener langsamen Songs, die Aufmerksamkeit für Details abverlangen. Sein zweites Lied auf der Platte, „Blue Dress“, ist noch schöner. Walgesang mit Westerngitarre in Zeitlupe, und alles dreht sich nur um den simplen Wunsch, dass die Angebetete ein ganz bestimmtes Kleid trägt.


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„Enjoy The Silence“ ist ihr bis heute beliebtestes Stück, ein Gute-Nacht-Gebet mit House-Beat. Auch das Video mit Dave Gahan als einsam wandernder Landschaftskönig wurde hundertfach kopiert. Angeblich hatte Gore ursprünglich geplant, das Lied von ihm gesungen und nur mit dem Harmonium begleitet herauszubringen. Arrangeur Alan Wilder hatte sich das angehört und Gore dann gebeten, etwas mit dessen Version anstellen zu dürfen. Der Rest ist Geschichte.

Das Klangbild des Albums ist heute noch so frisch wie damals. Depeche Mode widerstanden allen Trends: House, Acid, Rave. Wer „Violator“ 1990 auflegte, genoss eine hochmoderne Platte. Wenn man sie 1994 auflegte, hörten die Songs sich immer noch zeitlos an. Wer das Album 2001 entdeckte, könnte schon nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wann sie erschienen war, so einzigartig klang sie. Würde „Violator“ 2018 erstmals veröffentlicht werden, könnte es die Produktion mit allen anderen des Jahres aufnehmen.

Für ein teil-elektronisches Album eine unfassbare Leistung.

03. Music For The Masses (1987)

Größenwahn oder große Selbstironie: Die heutigen Magenta-Musikanten kündigten bereits 1987 „Musik für die Massen“ an, nachdem ihr Vorgänger-Album „Black Celebration“, ein heimliches Meisterwerk, in den Charts eher mäßig abschnitt. Um die 25 Jahre alt waren Dave Gahan, Martin Gore, Alan Wilder und Andrew Fletcher, und „Music For The Masses“ sollte ihr bereits ihr sechstes Album sein. Die „Bong“-Lautsprecher, wie auf dem Cover abgebildet, sollen die ganze Welt erreichen, außerdem die Geschichte einbinden: das düstere Instrumental „Pimpf“ spielte auf das Deutsche Jungvolk an, „Sacred“ stellte die Heiligtümer der Kirche in Frage.


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Depeche Mode etablierten grobkörnige Porträtfotografie und Musikvideos, für die Anton Corbijn hier und auch in den nächsten Jahren verantwortlich zeichnete. „Behind The Wheel“ mit seinem Glücksrad, der Vespa und einer Fahrerin mit Kopftuch, zeigte auch, wie sehr sich die Band von ihrem Synthipop-Ursprung entfernt hatte. Der grandiose Clip wirkt wie aus der Zeit gefallen. Auch der Sound wurde konkreter. Lediglich der Wassertropfen von „Nothing“ oder das leere Akkordeon-Luftgeräusch von „I Want You Now“ erinnerten noch an die Zeit der Klang-Experimente.


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Das heute als Mega-Hit geltende „Never Let Me Down Again“ schaffte es damals nicht mal in die britischen Top 20. Aber „Music For The Masses“ war genau das Transit-Album zwischen der Teenage Angst von „Black Celebration“ und der Club-Dominanz von „Violator“ (ein weiterer ironischer Plattentitel), welches die Band 1987 schon nach vorne brachte. Am Ende ihrer Welttournee spielten Depeche Mode dann in amerikanischen Stadien: „Good Evening, Pasadena!“

02. Songs of Faith and Devotion (1993)

Er trug jetzt lange Haare, lebte zwölf Jahre nach Karrierebeginn seinen Rockertraum aus der Jugend, liebte den „Moonage Daydream“ und Jane’s Addiction, aber Dave Gahan wusste auch, dass an den Fans seinen Wandel behutsam verkaufen musste. Er hatte, wie er sang, reine Gedanken – sie waren nicht unreif: „If you see purity as immaturity / Well, it’s no surprise / For kindness, you substitute blindness /Please open your eyes“. Leute, macht die Augen auf – dies waren Depeche Mode 1993.


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Gahan wollte „Condemnation“, als Vorabsingle für „Songs Of Faith And Devotion“ durchboxen, was für die Band einer Revolution gleichgekommen wäre. Das Lied war ein Gospel und marschierte zeremoniell, getragen vor sich hin. Martin Gore legte sein Veto ein.

Mit „I Feel You“ als erste Auskopplung führten Depeche Mode dann den Triumphzug ihrer Energiebatzen – „Never Let me Down Again“, „Personal Jesus“ – fort. Die simple Blues-Gitarre, deren monotones Spiel allein schon fast wie Onanie aussah, erhielt im Refrain mit Gahans gespucktem „By and By“ sowie Gores „Ah, Ahh, Ahhh!“-Backgroundgesang das kongenialste Zusammenspiel der beiden Musiker, hands down. „I Feel You“ war die Geburt Dave Gahans als Schamane, wie er die Rolle bis heute inszeniert. Und zum ersten Mal ließ er völlig vergessen, dass er Texte eines anderen sang.


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In den Linernotes des „Songs Of Faith And Devotion“-Reissues von 2006 beklagte Produzent Flood, dass zu wenig Zeit für Polituren zur Verfügung gestanden hätte. Für die Hörer aber klang die Platte vollkommen. Allein, was Flood und Alan Wilder aus dem (Jahre später veröffentlichten) Gore-Demo von „I Feel You“ herausgeholt haben. Die Seele des Stücks ist in der Rohfassung zwar zu erkennen, der Sound aber erinnerte an die schmalen Skizzen der „Sounds Of The Universe“-Demos von 2009, die in fertiger Produktion wenig besser klangen.

Die Streicher von „One Caress“ bewiesen auf dem Album noch jenes orchestrale Volumen, die die Arrangements ab dem Nachfolger „Ultra“ von 1997 vermissen ließen. Tim Simenon, der „Ultra“ einrichtete, verwendete etwa in „Home“ den Bristol-Sound, bei dem Geiger klingen wie aus dem Keyboard.

01. Black Celebration (1986)

Wer ein Feuerwerk zündet, will feiern. Das Feuerwerk in „Stripped“ aber deutete etwas Anderes an. Es klang tiefer, verzerrter, zeitlupenartig, wie die letzten Sekunden eines Lebens. Dave Gahan sang „Come with Me / Into The Trees“ und am Ende „Let me hear you crying / Just for me“.


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Die Plattenfirma hatte Depeche Mode davon abgeraten, „Stripped“ als Vorabsingle ihres Albums „Black Celebration“ auszukoppeln. Es kam ihnen zu düster vor und zu lauernd, es war auch recht langsam. Aber genau so wollten die vier Musiker wirken. Sänger Gahan in der Rolle eines Verführers, der eine „schwarze Messe“ feiert.

Die Produzenten Gareth Jones und Daniel Miller nahmen vom Industrial-Sound des Vorgängers „Some Great Reward“ (1984) Abstand, die Maschinen Berlins, das Keuchen, Zischen und Eisenknallen war erstmal passé. Sie entwickelten einen neuartigen schlankeren Sound, der viel eleganter und gleichzeitig bösartiger war. „Black Celebration“ war ein Stachel, wie im Samthandschuh präsentiert.


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Es klang nach Palästen umringt von Feuersäulen, wie im Titelstück, es klang nach einem Walzer mit dem Teufel („Dressed in Black“) oder dem Spiel auf einer Orgel, deren Pfeifen aus Skeletten bestehen („It Doesn’t Matter Two“). Das Plattencover, rote Rosen wachsen auf ein Hochhaus zu, sah aus wie von Stephen Kings „Dunkler Turm“ entnommen. Und immer den Tod im Blick, der unsere Sicht aufs Leben bestimmt: „Death Is Everywhere / There Are Flies On The Windscreen / For A Start“. Und auch immer wieder über Songs verstreut zu hören: das Ticken einer Uhr. Die Zeit läuft ab.

Das Gefühl, das nur Teenager kennen

Stolz berichten Depeche Mode heute darüber, wie sie mit dieser Platte gegen Vorurteile ankämpfen mussten. Die dem Re-Release von 2007 beigefügte Dokumentation zitiert mit ihrem Titel Daniel Miller: „The Songs Aren’t Good Enough, There Aren’t Any Singles And It’ll Never Get Played On The Radio“. Zu Millers Verteidigung muss man anführen, dass er sein Urteil auf die Demoversionen bezogen hatte.

Martin Gore platzierte gleich vier von ihm selbst gesungenen Stücke auf der Platte, mehr als je davor oder danach. Depeche-Mode-Studioalben sind ja sorgfältig kompiliert, die Tracklist stellt dramaturgisch meist eine Entwicklung dar. Hier fuhr Gore mit „A Question Of Lust“, „Sometimes“ und „It Doesn’t Matter Two“ auf den Positionen drei bis fünf gleich mehrere Wellenbrecher auf. Nie sang der 24-Jährige so schön, so verletzlich, so jenseits allen Kitsches über die Gefühle von Teenagern. Diese Eigenschaft hat Gore sich bis heute, 30 Jahre später, bewahrt. Auch wenn er zuletzt, wie im „Delta Machine“-Stück „The Child Inside“, noch weiter zurückblickte, bis in die Kindheit.

Auch mehr als 30 Jahre später weiß die Band diese Platte zu würdigen. Der Titelsong schafft es regelmäßig auf die Setlist, die Singles sowieso, das leider nicht als Single erschienene „Fly On The Windscreen – Final“ auch, und Martin Gore zerlegt „Dressed In Black“ oder „It Doesn’t Matter Two“ live in einer Pianoversion bis auf die Knochen. Bei der „Spirit“-Konzertreise muss „I Feel You“, der Monolith, regelmäßig „A Question Of Time“ weichen.

Welcher Song war bei der 2013er-Tour der meistgefeierte? Nicht „Enjoy The Silence. Sondern „But Not Tonight“, eine B-Seite!

Columbia Records Sony Music
Suzie Gibbons Redferns

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