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Die Toten Christian Kracht

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Foto: Kiepenheuer&Witsch

Christian Kracht mache in seinem Roman demokratiefeindliches Denken mainstreamfähig, schrieben Rezensenten zum Vorgänger, „Imperium“ – der Fall wurde so hitzig diskutiert, dass der Leinenanzug tragende Kosmopolit sich außerstande sah, nach Deutschland zu kommen, um daraus zu lesen. Auch in „Die Toten“ findet der Suchende wieder problemlos jene antimoderne Faszination für eine Zeit, in der noch alles offen war. Die Imaginationsspirale löst Kracht dieses Mal anhand der Filmlandschaften dreier Supermacht-Anwärter der frühen 30er-Jahre aus: Japan, das nach einem Putsch vor der endgültigen Militarisierung steht, die USA, „naiv und vital wie ein Wirbelwind“, und eben Deutschland, das kurz vor Hitlers Machtergreifung mit einer weltberühmten Filmindustrie glänzt, sich aber auch schon größenwahnsinnig und todessehnsüchtig geriert.

„Kino ist Krieg mit anderen Mitteln“, sagt der UFA-Tycoon Alfred Hugenberg zum angewiderten Schweizer Filmemacher Emil Nägeli, der nach Japan reisen und dort mithilfe seiner Filme dem „virengleichen“ US-Kulturimperialismus entgegentreten soll. Trotz solch klarer Ansagen ist „Die Toten“ ein zurückhaltendes, traumverlorenes, manchmal geradezu spirituelles Buch, in dem sich die großen Pläne wie von selbst verflüchtigen, gerade so wie sich die Schicksale der Hauptfiguren ziellos verlieren.

An einer Stelle bedauert Nägeli, der eigentlich meditative Stummfilme dreht, dass der aufkommende Tonfilm bald die „viel tiefere Sprache des Visuellen“ verdrängt haben wird. Auch Kracht verlässt sich hier mehr denn je auf die Kraft assoziativer Bilder, aufblitzende Erinnerungen werden mit schmerzhaftem Einfühlungsvermögen beschrieben, etwa die Kindheit von Nägeli und seinem japanischen Gastgeber und Nebenbuhler, Amakasu, die beide gleichermaßen an der willkürlichen Grausamkeit der Erwachsenen verzweifeln. Ihr eigenes Erwachsenenleben verbringen sie in einer Art geistigem Totenreich, einer „Zwischenwelt, in der Traum, Film und Erinnerung sich heimsuchen“ und in der auch immer wieder real existierende Nebenfiguren der Geschichte auftauchen, die die halluzinative Stimmung nur verstärken. Wir begegnen Charlie Chaplin als grienendem Mörder oder Heinz Rühmann als „blondem Äffchen“ auf dem Schoß der Mächtigen. Nur der „golemhafte“ Ernst Hanfstaengel bekommt als einzige Nebenfigur ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem Kracht auch den einzigen Zeitsprung in die Zukunft wagt: 1939 sitzt der Putzi genannte frühe Förderer Adolf Hitlers und ehemalige Harvard-Studienfreund von Franklin D. Roosevelt plötzlich in Kanada in Kriegsgefangenschaft, wo er versucht, dem Lagerarzt zu erklären, dass er schon immer vor dem „Charlie-Chaplinhaften Demagogen“ aus Deutschland gewarnt habe. Geschichte und Erinnerung scheinen für Kracht vor allem eines zu sein: falsche Filme voller Toter. (Kiepenheuer & Witsch, 20 Euro)

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