Erdmöbel Krokus


Edel VÖ: 17. September 2010


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Sprechende Namen, besserwisserische Gefühle, Wörter aus dem falschen Kanon, die im exakt richtigen Song landen. Lieder wie Fotos, auf denen man eminent wichtige Dinge erkennt, die man im Vorbeiweg nur verschwommen gesehen hatte. Musik, die ebenso gut der Blauaugen-Soul einer besonders genialen Rheindampfer-Band sein könnte wie ein unbekanntes Beatles-Album (vor allem, weil hier ja wohl eindeutig Paul McCartney den Bass spielt). Aber nie Rock’n’Roll. Auch diesmal nicht.

Obwohl es immer nett gemeint war, wurde die Gruppe Erdmöbel aus Köln zu oft darauf reduziert: auf ihre Opposition zum Headbangertum auf der einen Seite, zur Barrikadenromantik auf der anderen. Natürlich ist es ein Standpunkt, wenn der Sänger von Beruf Lehrer ist, die Musiker im Anzug auf die Bühne gehen und das Wort „Schatz“ verwenden. Aber was diese bürgerliche Band dem verachteten Dumpfsinn eigentlich entgegenhält, das zeigt in letzter Konsequenz erst „Krokus“, das sechste Studioalbum, auf dem alles ankommt, was sie je auf den Weg geschickt haben.

Der Unschärfe, mit der man sich aus jedem inhaltlichen Zwang herauslavieren könnte, setzt Erdmöbel-Dichter Markus Berges nämlich die klarsten, unmissverständlichsten Wörter entgegen. „Rosen“, „Pferdehaar“ oder „Benzin“ in „77ste Liebe“, einem Sehnsuchts-Bossa, der sich um verschenkte Herzen und ausgegebene Drinks dreht, „Staatsvorsitzender“ und „Werks-TV“ in der auf Klaviertatzen marschierenden Fabrikparabel „Arbeiten“. „Verpiss dich!“ flüstert das Haus unzweideutig, als sich die Dame im „Snoopy-T-Shirt“ (mit zwei Gitarrensoli!) unter den Sternenhimmel schleicht. Die Fluss- und Ortsnamen kann man alle im Autoatlas NRW nachlesen, wo sie bloß nicht so verliebt klingen wie in der Bahnfahrtballade „Emma“, auch nicht so kotzböse wie im Köln-Hasslied „Fremdes“.

Und wie das ja oft ist beim Unterschied zwischen Kunst und Gesetz: Wer „Krokus“ nur liest, kann es nicht verstehen. Wer kurz hinschaut, wird keine vertrauten Posen und Phrasen erkennen und nicht hängenbleiben. Der entscheidende Moment kommt, wenn aus den kauzigen Wörtern und Melodien plötzlich der Sound wird, das Gefühl, die Geschichten, Lethargie, Lust und Lakonie. Allergrößter Pop-Impressionismus. Keine andere deutsche Band kann das derzeit so wie sie.


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