Faith No More Sol Invictus

Reclamation/Ipecac/Pias (rough trade)

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Foto: Reclamation/Ipecac/Pias (rough trade)

Eine Band zum Liebhaben waren Faith No More nie. Bewundern ja, bestaunen auch. Aber ins Herz schließen? Das wusste Mike Patton schon zu verhindern, er war nie ein Rockstar zum Anfassen, er blieb auf Distanz – und wollte dennoch unbedingt den Erfolg. Aus Spaß gaben die Crossover-Pioniere jedenfalls mit Sicherheit nicht die Vorgruppe für Guns N’ Roses. Nach dem vorläufigen Ende von Faith No More 1998 startete der erratische Sänger zwar etliche skurrile Nebenprojekte, doch dann hielt er es in der Nische wohl nicht mehr aus.
Seit 2009 sind Faith No More nun wiedervereint, sie haben viele Konzerte gegeben, die ständig Spekulationen um ein neues Album anheizten, vor allem seit sie 2011 in Südamerika einmal ein Stück namens „Matador“ spielten, das keiner kannte – und das jetzt nicht nur das älteste, sondern auch das längste Stück auf „Sol Invictus“ ist, eine Zurschaustellung von allem, was FNM ausmacht: Wucht, Mut, Eindringlichkeit (und ja, ein bisschen klingt Patton hier nach Geoff Tate von Queensrÿche). Beim siebten Studioalbum, dem ersten seit „Album Of The Year“ (1997), macht er es einem wieder nicht leicht: Patton gibt keine Interviews, er rückt keine Songtexte heraus, die Informationen fließen nur spärlich. Man weiß immerhin, dass Billy Gould „Sol Invictus“ produziert hat, in seinem Studio in Oakland. Der Bassist nennt es „hypnotisch und gothic … sehr kraftvoll, aber teilweise auch mit viel Platz“ – es ist also alles auf einmal, wie immer, und Patton thront über allem wie ein Sonnenkönig im Reich der Finsternis. Dabei ist es gar nicht so wichtig, dass er mit 47 noch mehrere Oktaven singen kann. Entscheidend ist, wie er seine Stimme einsetzt – er schreit, er flüstert, er greint, er spuckt, er macht einfach alles.
„Worshipping at the altar of no one/ Can’t remember which god is my own“ – so beginnt „Sol Invictus“. Der Titelsong führt nicht gerade sanft in das Album, aber was danach kommt, verschlägt einem den Atem: Mike Bordins treibende Trommeln bei „Superhero“, Jon Hudsons Riffs, der Quatsch-Brüll-Song „Sunny Side Up“, die lustigen Ideen von Keyboarder Roddy Bottum, das furchteinflößende „Separation Anxiety“, der bedrohliche Sprechgesang bei „Motherfucker“, das folkige Geklampfe bei „From The Dead“, das gar kein Witz ist. Man kann diese Band nicht durchschauen. Faith No More überwältigen mit ihrer Laut/leise-schnell/langsam-hart/zart-Dynamik, die keine andere Metalband so brillant und gleichzeitig so spielerisch beherrscht wie sie. Er hoffe, erzählte Billy Gould neulich, das Album klinge nicht nach 50-jährigen Männern. Es klingt nach sehr bösen, sehr schlauen, sehr starken Männern, die kein Alter kennen.

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