Frances Ha Regie: Noah Baumbach


IFC Films Kinostart: 1. August 2013


In Deutschland ist es seit Kurzem auch statistisch belegt: Wohnen hat sich zu einem sozialen Problem entwickelt. Warum sollten es ein Musiker im Hamburger Schanzenviertel oder ein freischaffender Grafikdesig­ner im Prenzlauer Berg auch leichter haben als die Hipster in Williamsburg? Das Thema Wohnen streift neuralgische Punkte des gesellschaftlichen Lebens: Es hat existenzielle Bedeutung und ist gleichzeitig unglaublich identitätsstiftend. Noah Baumbach hat mit „Frances Ha“ einen beschwingten und dabei überaus klarsichtigen Film über das Wohnen und die Schwierigkeiten der Selbstfindung gedreht.

„Es ist so peinlich, ich bin noch keine richtige Person“, klagt Baumbachs Titelfigur einmal. Und wie sollte sie auch? Frances hat keinen Job, kein Geld, ist in nichts wirklich gut (nicht mal in ihrer Profession als Tänzerin) und natürlich besitzt sie keine eigene Wohnung. Zum Beweis ihrer Unfertigkeit für das „erwachsene“ Leben passt ihr Namensschild nicht vollständig an den Briefkasten. Frances Ha, steht da am Ende. Frances ist noch keine vollständige Person. Das aber mit Ausrufezeichen.

Baumbach hat ein naheliegendes erzählerisches Mittel für die prekäre Disposition seiner Titelheldin gewählt: Er strukturiert Frances’ Geschichte kurzerhand in Kapitel, die die Stationen ihrer adoleszenten Odyssee in der Überschrift tragen. Jede temporäre Adresse (zur Untermiete, auf der Couch einer Freundin, bei den Eltern in Sacramento, im Schlafsaal ihres alten Colleges) beschreibt einen weiteren Abschnitt im Leben der Twentysomethings, die unvermittelt in Frances Leben aufkreuzen und genauso unverbindlich wieder verschwinden. Selbst ihre bes­te Freundin Sophie (Sting-Tochter Mickey Sumner), mit der sie eine platonische Beziehung führt („Wir sind wie ein lesbisches Pärchen, das keinen Sex mehr hat“), zieht es irgendwann weiter. Ihr Verlobter arbeitet für Goldman Sachs und wird für einen Job nach Japan versetzt.

Frances’ wechselnde Adressen ent­werfen in Baumbachs Film eine Topografie der Gentrifikation in New York. „Nur Kinder reicher Eltern können es sich hier leisten, Künstler zu sein“, sagt Sophie über die neuen Mitbewohner ihrer Freundin. Die Einrichtung sähe etwas zu gewollt aus. Ähnliches könnte man auch über „Frances Ha“ sagen, der sich ausgesprochen viel Mühe gibt, eine bestimmte Vintage-Stimmung zu erzeugen. Das Anekdotische seiner Erzählung, die Beiläufigkeit der Dialoge, die doch jedes Wort in genau beobachteten Alltagserfahrungen aufwiegen, die warme Schwarz-Weiß-Fotografie von Kameramann Sam Levy und die Musik von Georges Delerue und Antoine Duhamel sind natürlich eine Hommage an die Nouvelle Vague, genauso wie der neurotische Charme von Frances unwillkürlich an Woody Allen denken lässt, für den die Franzosen und New York selbst einmal wichtige Bezugspunkte waren. „Frances Ha“ verweist aber nicht nur auf solche avancierten Erzählstränge des romantischen Selbstfindungstopos, sondern versucht sich darüber hinaus an einer Milieu­studie der großstädtischen Twenty­somethings, deren soziale Struktur an Lena Dunham und ihre Lumpen-Boheme aus „Girls“ erinnert.

Faszinierender Fixpunkt in Baumbachs Generationenporträt ist seine Hauptdarstellerin Greta Gerwig, die einen Großteil der Dialoge selbst geschrieben hat. Gerwig ist im aktuellen US-Kino so ziemlich die unmöglichste Erscheinung, der das Attribut „Star“ anhaftet. Diese Starqualität beruht auf der flirrenden Dissonanz ihrer Physis: eine Ansammlung schiefer, nicht getroffener Noten und krummer Akkordfolgen, die die seltsam-schönsten Melodien ergeben. In solchen Momenten tanzt und hüpft Gerwig zu David Bowies „Modern Love“ durch die Straßen von New York (noch eine Referenz ans französische Kino – an Denis Lavant in Leos Carax’ „Die Nacht ist jung“). Oder Frances springt während eines Dates vom Tisch auf, rennt los, um einen Geldautomaten zu finden, und legt sich dabei fürchterlich auf die Nase. „Ich mag die Dinge, die wie Fehler aussehen“, erklärt Frances einmal, als wäre sie ihr eigenes Gesamtkunstwerk.

Man sollte Frances’ Unbedarftheit nur nicht als Reaktion auf ihre prekären Lebensverhältnisse missverstehen. Hier kommt auch ein latentes Unbehagen gegenüber der zunehmenden Professionalisierung des modernen Lebens zum Ausdruck. Frances möchte unbedingt funktionieren, hat sich aber selbst noch nicht gefunden. Dass Baumbach dieses Scheitern eher als komische Tics beschreibt, ohne die dahinterliegenden Sorgen zu thematisieren, wirkt vielleicht eine Spur zu gutwillig. Doch Frances ist auch eine Terminatorin, ihre soziale Behinderung macht sie für die Fährnisse des Lebens scheinbar unanfällig. Und Greta Gerwig ist der hinreißendste Trampel der jüngeren Kino­geschichte.


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