Holger Czukay Cinema



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Man kann dies als Zeugnis einer musikalischen Revolution bewundern. Doch auch wenn man sich um Revolutionen nicht schert, ist es jedenfalls Musik von überirdischer, ergreifender Schönheit. Man hört ein kleines Fragment aus einem mittelalterlichen Choral, vom französischen Troubadour Adam de la ­Halle gegen Ende des 13. Jahrhunderts komponiert. Über einem dunkel glimmenden ­Drone wird der Choral zu einer Klangschleife zusammengebunden und unermüdlich wiederholt – bis plötzlich ein vietnamesischer Volksgesang einsetzt, auch dies ein Fragment, gegen ­Ende der 60er-Jahre mit einem Kurzwellenempfänger aus dem Äther gefischt.

Man kann sich kaum zwei Arten von Musik denken, die weiter voneinander entfernt wären, und doch (oder aber gerade deswegen) zündet ihr Zusammentreffen einen magischen Funken. „Boat Woman Song“ heißt das 20-minütige Stück, in dem dieses Zusammentreffen inszeniert wird, 1969 produziert von Holger Czukay und dem bildenden Künstler Rolf Dammers im Studio für elektronische Musik des WDR, wo Czukay damals als Assistent des künstlerischen Leiters Karlheinz Stockhausen wirkte, während er zeitgleich mit seiner Band Can die deutsche Rockmusik erfand.

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Mit dem „Boat Woman Song“ hat er zudem erstmals die Methode des Samplings zum Mittel der musikalischen Produktion gemacht. Zwar hatten sich die Beatles auf „Strawberry Fields Forever“ schon daran versucht, doch war Czukay weit konsequenter und interessanter. Der kunstvolle Gebrauch von Tonbandschnipseln und -schlaufen hat sein Soloschaffen über die folgenden Jahrzehnte geprägt: Ihm ist die 5‑LP/CD-Retrospektive „Cinema“ gewidmet, die vor allem Stücke aus der Zeit nach Can sammelt, von der irren Waldhorn-Disco-Funk-Nummer „Cool In The Pool“ (1979) über die mit Jaki Liebezeit und Jah Wobble aufgenommenen Dub-­Stücke aus den Achtzigern bis zu einem Track von 2008, in dem Czukay ein Stimmsample von Karlheinz Stockhausen für eine sonderbar sonnenstichige TripHop-Elegie verwendet. (Grönland)


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