Jane's Addiction: "A Cabinet Of Curiosities" (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Jane’s Addiction „A Cabinet Of Curiosities“



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Ob es ein Zeichen ist, dass die Türchen zu diesem Kuriositätenkabinett gleich beim ersten Öffnen aus den Angeln reißen und kaputt sind? Ein bisschen Tesafilm hilft, doch die Legende von Jane’s Addiction ist nicht so leicht zusammenzuflicken. Warum waren die noch mal so wichtig? Man erinnert sich an das Crossdresser-Video zu „Been Caught Stealing“, das Anfang der 90er Jahre ständig auf MTV lief. An Perry Farrell natürlich, den durchgeknallten Sänger mit den lustigen Frisuren und den seltsamen Visionen. An das Lollapalooza-Festival.

Doch in Deutschland kam nie ganz an, wie wegweisend Jane’s Addiction tatsächlich waren- das Quartett, das mit dem Debüt „Nothing’s Shocking“ schon 1988 die Neunziger vorwegnahm: Farrell, Gitarrist Dave Navarro, Schlagzeuger Stephen Perkins und Bassist Eric Avery vermengten Punkrock und Pop, waren Underground und drängten doch ins Rampenlicht.

Sie waren finster und sexy, wüst und witzig. Während sich all die hedonistischen Glam-Metal-Bands in Hollywood selbst feierten, zeigten Jane’s Addiction, wie es in der Stadt wirklich zuging, verloren aber im Schmutz der Gosse weder ihre Seele noch den Spaß. Eigentlich logisch, dass Slash sofort zu ihren Fans gehörte.

Gleich 30 unveröffentlichte Songs wurden für das 3-CD-plus-DVD-Set „A Cabinet Of Curiosities“ ausgegraben. Und wie das immer so ist: Oft hatte die Band gute Gründe, den Kram nicht an die Öffentlichkeit zu bringen. Fünf Lieder aus einer Radio-Session von 1986 und zwölf Demos von 1987 ergeben die erste CD- darunter frühe Aufnahmen von „Jane Says“ und „Three Days“, zwei ihrer besten Stücke. Die Versionen auf den regulären Alben, vor allem auf „Ritual De Lo Habitual“ (1990), sind freilich überlegen. Trotz all der Drogen und Spirituosen wussten die vier im Studio offensichtlich immer genau, was sie taten.

Ein paar weitere Demos finden sich auf CD zwei, dann wird es spannender: Mutig covern Jane’s Addiction mit Ice-T „Don’t Call Me Nigger, Whitey“, als wären sie eine alte Blues-Band, können dann doch nicht an sich halten und lassen es zwischendurch kräftig krachen. Danach zerstören sie „L.A. Woman“ und „Whole Lotta Love“, um schließlich bei „Bobhaus“ etwas zu kreativ Dylan und Bauhaus zu vermischen. Keine empfehlenswerte Melange!

Etliche Live-Aufnahmen sollen auf CD drei beweisen, wie groß Jane’s Addiction auf der Bühne waren (im Booklet erzählen Billy Corgan, Flea und Henry Rollins davon), doch so ganz lässt sich die Atmosphäre heute nicht mehr vermitteln. Zu viele Epigonen sind seitdem durch Kalifornien geritten, zu oft hat man den leidenschaftlich bis hysterisch keifenden Gesang gehört. Und: So viele wirklich gute Songs hatten Jane’s Addiction dann doch nicht, zu häufig verlassen sie sich auf die scharfe Gitarre, das treibende Schlagzeug- und vergessen über dem bloßen Effekt die Melodie.

Die Videoclips und Live-Mitschnitte auf der 70-minütigen DVD sind ulkig bis anstrengend, je nachdem, wie viele fliegende Haare, gleitende Surfer und grelle Klamotten man sehen will. Wenn zum dritten Mal „Ocean Size“ kommt, fragt man sich doch, ob diese üppige Box nicht etwas überdimensioniert ist für das schmale Werk der Band. So bahnbrechend es auch war. (Rhino/Warner)

Birgit Fuss


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