Jarvis Cocker & Chilly Gonzales: Room 29 (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Jarvis Cocker & Chilly Gonzales Room 29


DGG/Universal


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Man hatte bereits im vergangenen Herbst von der Live-Premiere in Hamburgs Kampnagel-Fabrik gehört. Jarvis Cocker und Cilly Gonzalez bilden ein Team auf Zeit und spielen als Betaversion einen Liederzyklus über das Showbiz-Hotel Chateau Marmont. Genauer gesagt widmen sie sich dem Zimmer 29, das seit Jahrzehnten mit einem echten Stutzflügel möbliert ist. Edelstoff für einen nostalgischen Reigen, beswingt bis bittermandelig interpretiert. Beobachter bekamen damals Schwänke über die Dietrich, Howard Hughes oder Mark Twains Tochter Clara serviert. Tragisches und Erbauliches gingen Hand in Hand. Ein britischer Pop-Poet sezierte das Seelenleben von Los Angeles, flankiert von einem kanadischen Klavierspieler im Hausmantel.

Diese exzentrische Fingerübung erscheint nun fertig produziert auf Platte. Und zwar nicht irgendwo, sondern bei der S‑Klasse unter den Klassiklabels, der Deutschen Grammophon. Ein Statement, das Anspruch und Fallhöhe markiert: Bürgerlicher Kulturbetrieb, wir kommen! (Obgleich bei der DGG schon seit geraumer Zeit mit Neoklassik-, Electro- und Lounge-Formaten experimentiert wird.) Der „Room 29“ also, im Studio zerlegt in 15 Tracks, von denen vier als strukturierende Solopiano-Einlagen (als Ouvertüre, Intermezzo oder Rausschmeißer) dienen. Klassikschulmeister Gonzalez gibt hier den Erik Satie. Zum Durchatmen ein wenig Minimalismus, der in den Spoken-Word-Songs ringsumher weitgehend durchgehalten wird. Selbst „Bombshell“ oder „Tearjerker“ (zu Deutsch „Schnulze“) sind keineswegs schnulzig, sondern bleiben sparsamst instrumentiert. Cockers Lyrics lassen sich studieren wie bei einem Hörbuch.

Nur gelegentlich wird die Hotelzimmerrevue durch den Einsatz von Streichern aufgemotzt, etwa bei der getragenen Operettennummer „Salomé“. Doch für opulenten Buttercremetorten-Kitsch sind die beiden nicht zu haben, und so erhalten sie die spinnerhafte Aura dieser Platte. Wer eine Referenz aus dem Popkosmos möchte, sei an das schöne 1998er Zusammenspiel von Elvis Costello und Burt Bacharach, „Painted From Memory“, erinnert, wobei dort mehr Musik auf den Knochen war. Und am Ende geht im Zimmer 29 der Kronleuchter aus: „A Trick Of The Light“, leise plinkernd.


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