Josh Weil Das gläserne Meer

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Nach dem Tod ihres Vaters wachsen die unzertrennlichen Zwillingsbrüder Jarik und Dima auf dem Bauernhof ihres Onkels Awja auf. Am Tag springen sie durch die Felder und nachts verlieren sie sich in den Märchen des Onkels. Bis sie eines Nachts auf den Ozewa-See hinausfahren, um mit Eidottern und einem blutenden Gänseherz den Tschudo-Judo aus den Tiefen des Gewässers zu locken. Die sternenklare Nacht überleben die beiden Brüder nur, weil sie sich aneinander wärmen. Nach dem Vorfall müssen sie zurück zu ihrer Mutter in die fiktive russische Stadt Petroplawilsk, die 20 Jahre später, nachdem die Sowjetunion vom Russland der Oligarchen abgelöst wurde, zum Zentrum eines gigantischen Experiments wird. Im All aufgehängte Parabolspiegel tauchen die Stadt in immerwährendes Zwielicht, das das gigantische Gewächshaus an den Rändern der Stadt beheizt. Mit diesem Orangeria genannten gläsernen Meer halten Fortschritt und Wohlstand Einzug in dieses „Neue Russland“. Sie locken auch die Zwillingsbrüder an. Doch während der Familienvater Jarik zur Ikone des Aufstiegs wird, findet sich der in seinen Kindheitserinnerungen schwelgende Dima in der Rolle des Systemkritikers wieder.

Der Amerikaner Josh Weil legt mit seinem Debütroman nicht nur eine bewegende Geschichte der heimlichen Ängste und Wünsche zweier Brüder vor, sondern auch eine erzählerisch beeindruckende Dystopie über den russischen Kapitalismus, die fantasievoll, aber alles andere als unrealistisch davon erzählt, mit welcher Geschwindigkeit die neoliberale Mentalität die postsowjetische Gesellschaft überrollt hat. Wie ein unersättliches Raubtier frisst sich das Gewächshaus immer tiefer in die Landschaft und in die Köpfe der Menschen hinein, bis es ihr Leben bestimmt. Dabei spielt er virtuos mit Motiven und Ideen von Klassikern wie Bulgakows „Meister und Margarita“ oder Puschkins „Ruslan und Ljudmila“. Die aus der russischen Literatur bekannte Tonlage zwischen existenzieller Melancholie und wahnwitziger Satire, die Stephan Kleiner in seiner stimmigen Übersetzung aus den Tiefen des Romans hebt, macht die Lektüre zu einem Ereignis.

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