Kraftklub
„Sterben in Karl-Marx-Stadt“
Eklat (VÖ: 28.11.)
Die Chemnitzer feiern den Tod und die Liebe.
Bei einem Band-Trip nach Mexiko lernten die Chemnitzer die dortigen Feierlichkeiten zu Ehren der Verstorbenen kennen, auf ihrem neuen Album wollen sie das Thema Tod in ähnlich farbenprächtiger Weise zelebrieren. Kraftklub übertragen den Spirit auf ihre Heimat. Das funktioniert erstaunlich gut im schwarzhumorigen Disco-Track „Wenn ich tot bin, fang ich wieder an“. Musikalisch bleibt vieles beim Alten. Der Kraftklub-Stil wirkt in den besseren Momenten erfrischend geradlinig, in den schwächeren frappierend stumpf. Rap und Rock, New Wave und Electro verschmelzen hier nicht – sie werden eiligst zusammengeklöppelt. Die Hi-Hat zischelt von einer Hookline zur nächsten. Melodische Schnörkel – Fehlanzeige.
Gegen Verblödung, Rechtsruck und Vernunft an den falschen Stellen
Sänger Felix Kummer skandiert Protestlieder gegen Verblödung, Rechtsruck und Vernunft an den falschen Stellen. Manchmal geht es auch um Party, Aufbruch, Herzschmerz. Und natürlich läuft, solange noch nicht alle Charts-Aspirationen beerdigt sind, nichts ohne prominente Gäste. Nina Chuba und Domiziana werden als Zugpferde für die Gen Z eingespannt, Faber und Deichkind verteidigen die Indie-Credibility.
„Sterben in Karl-Marx-Stadt“ ist, anders als man vermuten könnte, keine ostdeutsche Bestandsaufnahme. Das Album beschreibt auch nicht, anders als man hoffen könnte, wie es sich anfühlt, zwischen postsozialistischen Wachstumsschmerzen und „national befreiter Zone“ eingeklemmt zu sein. Aber Kraftklub pumpen Sauerstoff in einen von Hass und Polemik vergifteten Landstrich. Beste Zeile: „Solange noch einer ‚Fickt euch alle!‘ schreit, ist hier noch nichts verlorn/ Ich hab noch immer Bock auf Streit, ich singe schief in jedem Chor.“ Und mit „Zeit aus dem Fenster“ gelingt ihnen sogar eines der lustigsten Liebeslieder des Jahres.
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 12/2025.