Kritik: „Keine Zeit zu sterben“ – Der James-Bond-Kniefall vor Daniel Craig



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Achtung: Dieser Text enthält fundamentale Spoiler. Zur Handlung, zur Entwicklung der Figur James Bond, zum Ende des Films sowie der möglichen Zukunft der Reihe.

Spoiler-Bereich beginnt hier:

Es ist sein bester Freund Felix Leiter, der den schönsten Satz des Films sagt. Ein Satz, den man selten, vielleicht noch nie aus dem Mund einer sterbenden Kinofigur gehört hat. Denn die meisten Sterbenden würden Sachen sagen wie „Remember Me“ oder „I Feel So Cold“. Aber der tödlich angeschossene Leiter sagt: „It’s a good Life“. James, zeig Deine Gefühle, genieße die Welt, und dann lass endlich los! Finde auch Du deinen Frieden, und sei es im Tod.

Und James Bond tut alles, um sich einen würdigen Abschied zu bereiten. Er versteckt seine Gefühle nicht mehr. Er fragt seine Geliebte Madeleine „You okay?“; er sagt am Grab seiner verstorbenen Geliebten Vesper: „I Miss You“; er zitiert den ungeliebten George Lazenby, ohne eine Miene zu verziehen: „We Have All The Time In The World“; lässt einen verräterischen russischen Wissenschaftler am Leben, obwohl der unbedingt wie Borat Sagdiyev reden will; er tötet Blofeld nicht, der ihn verhöhnt: „You Were Always So Sensitive“.

Und dann, dann kommen sie langsam, die letzten Minuten im Leben des James Bond. Und mit ihm eine Abschiedsgala etlicher Bond-Motive. Geduldig hört er sich die Gegenspieler-Ansprache eines verrückten Terroristen-Chefs an, der eine dieser schematischen „Sie und ich, wir sind uns nicht unähnlich“-Reden schwingen darf, wie die Bond-Schurken es seit bald 60 Jahren tun, während 007 ihn als „Angry Little Man“ abkanzelt (steht für Joker, Incels oder Trump); James erhält sogar – Premiere in einem Bond-Film – eine zweite „Barrel Gun“-Sequenz, am Ende, nicht zu Beginn des Films, als er sich in einem röhrenförmigen Gang zu seiner charakteristischen Schuss-Drehung bemüht; er grüßt Roger Moore, indem er einen Roger-Moore-Spruch bringt, als er das Auge eines Bösewichts zum Explodieren bringt – „It Blew His Mind“; und am Ende greift er gar zu den Sternen, zitiert Han Solo, der auch so abgebrüht war, im Angesicht des Todes auf ein „I love You“ mit „I Know“ zu antworten. Schließlich folgt eine schöne Aufnahme: James klettert eine lange Leiter hoch, aus der Festung des Feindes in die Freiheit; sinnbildlich könnte das die Leiter in sein Lebensglück sein. Kämen nicht, als er das Dach erreicht hat, Raketen auf die Station zugeflogen. MI6-Chef M, der in „Keine Zeit zu sterben“ die viel tragischere Figur als Bond darstellt, hat den Angriff erlauben müssen. Und dann stirbt James Bond.

Man kann es nicht anders sagen: Die Bond-Produzenten machen einen Kniefall vor Daniel Craig und töten den berühmtesten Agenten im Geheimdienst Ihrer Majestät. Dieser Film lässt sich nicht besprechen, ohne das Ende zu spoilern.

Daniel Craig, vor Drehbeginn von „Casino Royale“ 2006 das bösartig angegangene Opfer der britischen Boulevardpresse, ist 15 Jahre und vier Kino-Abenteuer später zum ultimativen 007-Darsteller geworden, der die Figur mit ins Grab nehmen darf. Eines steht fest: Wer auch immer ihn beerben wird, James Bond kann er nicht heißen. Denn das würde ja bedeuten, der MI6 dürfe nur Agenten in dieser Position anstellen, die James Bond heißen. Das würde der Nachwuchs-Rekrutierung doch enge Grenzen setzen. Oder ist James Bond nur das Alias eines Agenten in dieser Position … allein das Nachdenken darüber erscheint albern. Haben die Bond-Leute sich mit dem Film-Tod Craigs also in eine Sackgasse geschrieben?

James Bond war immer unsterblich. Er hatte sein erstes Leinwandabenteuer in den 1960er-Jahren und blieb einfach jung. Das ist das Bond-Gesetz. Der James, der 1962 Dr. No ausschaltete, ist derselbe James, der Christoph Waltz‘ Blofeld 2015 gefangen nahm. So unwahrscheinlich das auch ist, wir haben das Gesetz akzeptiert. Als M in „Goldeneye“ zu Pierce Brosnan sagte „Sie sind ein frauenfeindlicher Dinosaurier, ein Relikt des Kalten Krieges“, meinte sie damit nicht Brosnan in seinem ersten Bond, sie meinte damit den Sean Connery der 1960er-Jahre, also einen Mann, der 35 Jahre vorher schon jung war. Die Darsteller wechseln, aber der Geheimagent nimmt die Jahrzehnte mit – Connery jagte Blofeld, Lazenby jagte Blofeld, Roger Moore jagte Blofeld, Craig jagte Blofeld. Alles derselbe Bond. Jetzt müssen die Bond-Produzenten nach dem Kino-Tod von 007 eine Figur mit komplett neuer Historie erschaffen, und sie muss zufällig James Bond heißen. Wenn das mal alles gut geht.

Das Armstrong/Barry-Lied „We Have All The Time In The World“ wird schon in den ersten Minuten von „Keine Zeit zum Sterben“ zum Unheil ankündigenden Motiv, und Craig zitiert die Titelzeile. Bereits 1969 sagte Bond zu seiner frisch angetrauten und sogleich erschossenen Ehefrau Tracy: „Wir haben alle Zeit der Welt“. Bevor nun die Missiles Craig zerfetzen, sagt er es nochmal. Es ergibt aber keinen Sinn. Für Lazenby von 1969 war dieses Mantra eine aus der Verzweiflung geborene Selbsttäuschung – seine tote Braut so lange in den Armen zu halten, wie er will, denn er hatte ja zuvor den Dienst quittiert. Keine Verpflichtungen mehr für sein Land. Craig und seine Madeleine hatten aber zu keiner Zeit „alle Zeit der Welt“. Der Filmtitel „Keine Zeit zu Sterben“ soll in einem erlösenden „endlich haben wir alle Zeit der Welt“ aufgehen. Aber dieses Paar wird durch den Tod getrennt.

Die Dynamik ihrer Beziehung offenbart sich nur mit Blick auf Craigs Bond-Geschichten als Teile einer seriellen Erzählung. Im Grunde ist „Keine Zeit zu sterben“ eine Fortsetzung von „Spectre“ (2015). Der Waltz-Blofeld und Madeleine tauchen erstmals darin auf und ziehen 007, auf unterschiedliche Art, in ihren Bann. Auf sich allein vermag „Keine Zeit zu sterben“ nicht darzulegen, warum der Frauenheld wieder an Treue und die ewige Liebe glaubt. Ab „Casino Royale“ und dem Beginn der Ära Craig schlugen die Bond-Filme den Weg des parallel florierenden „Goldenen Fernsehzeitalters“ der Nullerjahre ein, der seriellen Erzählung, die nicht in sich abgeschlossene Storys, sondern eine epische Handlung ausbreitet. Man kann das mögen. Aber die Einzelabenteuer, wie wir sie vorher von Bond kannten, sind in ihrer Charaktervielfalt unterhaltsamer.

Der eigentliche Antagonist heißt Lyutsifer Sahin und wird tapfer gespielt von Rami Malek, der, in dieser Hinsicht bleibt Bond der altmodischen Schurken-Darstellung der Filme bis 1989 verhaftet, im Gesicht genauso einen Makel tragen muss wie Waltz‘ Blofeld, Javier Bardems Silva oder Mads Mikkelsens Le Chiffre. Comic-Bösewichte. Als Action-Film ist „Keine Zeit zu sterben“ beeindruckend schnell und brutal inszeniert. Daniel Craig hätte sich ein paar weitere Knochenbrüche verdient, das Werk erreicht fast den Goldstandard der Stuntman-Leistungen, wie sie Christopher McQuarrie und Tom Cruise mit den letzten beiden „Mission: Impossible“-Filmen erzielt haben. Das wäre vom „True Detective“-Regisseur Cary Fukunaga, der Danny Boyles ursprünglich angedachte Regie übernahm (DAS Drehbuch hätte man gerne gelesen) nicht unbedingt zu erwarten gewesen.

Aber was hilft einem dieser Set-Piece-Furor in der Nachbetrachtung, wenn Bond nicht mehr da ist? Früher gab es im Abspann die heiß erwartete Ankündigung des nächsten Abenteuers: „James Bond will return in …“. Die gibt es jetzt zwar wieder. „James Bond will return.“ Kein „007 will return“. Aber wer ist James Bond, wenn James Bond tot ist? Nichts ist mehr sicher.


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