Kritik: „Kleo“ – Serienerfolg nach Baukastenprinzip


Netflix



Im Netflix-Baukasten geht es wahrscheinlich ganz geordnet zu. Da sind Fächer für deutsche Serien, die international blendend funktioniert haben („Deutschland 83“, „4 Blocks“). Fächer mit lokalen Stars, denen man ein entsprechendes serielles Konzept auf den Leib schneidern kann (Jella Haase). Und Fächer für Themen, die ihrer vermeintlich lokalen Exotik wegen international besonders gut funktionieren.

Etwa die DDR. Das Ganze paare man mit Netflix-typischen Bonusinhalten wie Sex, Gewalt, 80er-Jahre-Nostalgie und entsprechend gut sortiertem Soundtrack, fertig ist der leicht generisch wirkende Serienhit, dem nur noch ein bisschen Leben eingehaucht werden muss.

Es ist das große Glück von „Kleo“, dass diese Injektion von Leben tatsächlich stattfindet. Sie erfolgt in Gestalt von Jella Haase, die sichtlich Spaß an ihrer Figur der Kleo Straub hat – schließlich ist sie die perfekte Mischung aus „Killing Eve“-Bad-Girl Villanelle und Charlize Therons „Atomic Blonde“. In dafür um so künstlicher wirkender 80s- und DDR-Retro-Kulisse ist sie die perfekte Killerin für den Auslands-Geheimdienst der sterbenden DDR.

Zwischen Satire und Thriller

Aber als sie schwanger und auch noch von einem deutschen Polizisten (Dimitrij Schaad) enttarnt wird, muss sie weg. Als vermeintliche Vaterlandsverräterin wird sie inhaftiert, verliert ihr Kind und sinnt – kurz nach ihrer wendebedingten Freilassung – auf mörderische Rache. So weit, so beinharter Thriller.

Unglücklicherweise haben die HaRiBo-Autoren (Hanno Hackfort, Richard Kropf, Bob Konrad) die Idee, das Ganze auch noch satirisch zu überzeichnen. Weshalb man sich nie ganz sicher sein darf, ob man jetzt eine sehr blutige Komödie mit einer tragischen Hauptfigur guckt oder aber einen düsteren Thriller, der unfreiwillig komisch ist.

Sicher ist, dass „Kleo“ vor DDR/BRD-Klischées nur so strotzt. Auf dem westlichen Polizeirevier wird der einzige Beamte mit der richtigen Spürnase für die Ex-Spionin von dummen alten Männern schickaniert, während im Osten böse Frauen im Auftrag der Stasi noch bösere Dinge tun. Der Westen ist bonbonbunt, während im Osten graue Tristesse herrscht. Und wenn doch ein wenig Leben rübermacht, dann in Form des Technokids aus dem Westen, das mit Ecstasy und harten Beats den wilden Osten kolonisiert.

Das ist deshalb ein wenig schade, weil die Geschichte rund um den Verrat an Kleo, ihre Rache und einen ominösen roten Hering (pardon: Koffer) durchaus zu unterhalten weiß. Sie ist (vor allem mit Jella Haase) gut besetzt, in den richtigen Augenblicken schön kompromisslos und – wenn man von der Bedienung fast sämtlicher Ost-West-80ies-Klischees einmal absieht – auch wirklich gut ausgestattet. Wenn da nur dieser Netflix-Stallgeruch nicht wäre. Dieses Gefühl, dass hier diverse Erfolgsrezepte aneinandergereiht und nacheinander abgehakt werden. Dass

hier „Killing Eve“ und „Deutschland 83“ miteinander gekreuzt werden, dieser Eindruck hat sich bereits nach Ansicht des ersten Trailers aufgedrängt. Und nach acht – wir jammern auf vergleichsweise hohem Niveau – unterhaltsamen Episoden leider auch bestätigt.

„Kleo“ ist ab 19.08. komplett bei Netflix zu sehen.


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