Kritik: Obi-Wan Kenobi – „Eine neue Hoffnung“


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Am Ende der zweiten Episode, wenn ein nur allzu bekannter metallischer Atem ertönt, hat sich der Kreis endgültig geschlossen. Knapp anderthalb Stunden haben Regisseurin Deborah Chow („The Mandalorian“, „Mr. Robot“) und die Autoren benötigt, um den erzählerischen Bogen zu spannen, der „Die Rache der Sith“ mit „Obi-Wan Kenobi“ und mit der Original-Trilogie verbindet.

Anderthalb Stunden, in denen die Hoffnung darauf, dass „Das Buch von Boba Fett“ ein serieller Ausrutscher geblieben sein möge, der zunehmenden Begeisterung darüber weicht, dass sich hier tatsächlich so etwas wie ein ursprünglicher „Star Wars“-Geist einstellt. Die Macht, dieses alte Klischée muss an dieser Stelle bemüht werden, ist stark mit „Obi-Wan Kenobi“.

Das liegt zum einen an Ewan McGregor, der 17 Jahre nach der fast ausschließlich vor Green Screens entstandenen Prequel-Trilogie hier vor teils echten Hintergründen und mit echten Menschen (oder eben Aliens) interagieren und dabei seinen inneren Sir Alec Guinness entdecken darf. Zum anderen liegt das an der Ruhe, mit der die Macher den ikonischen Charakter wieder einführen – abgesehen vom fast fünfminütigen Rückblick auf die wichtigsten Prequel-Ereignisse kommt Episode 1 fast ohne Action aus – und an den Entscheidungen, die die Handlung in von vielen so sicher nicht erwartete Richtungen vorantreiben.

Weibliche Seite der Macht

Statt uns nach dem Mandalorianer und Boba Fett abermals mit einer Überdosis Tatooine zu langweilen, ist der Wüstenplanet hier bislang lediglich der Ausgangspunkt für eine Reise, die den gebrochenen Ex-Jedi mit den Geistern seiner Vergangenheit (und Zukunft) konfrontiert. Versteckt vor den Häschern der imperialen Inquisition (stark: „Queen’s Gambit“-Entdeckung Moses Ingram als „Dritte Schwester“) hat „Ben“ Kenobi hier ein Auge auf den jungen Luke Skywalker, der bei seinem Onkel Owen Lars (Joel Edgerton) Unterschlupf gefunden hat. Doch mit dem Wechsel auf den Heimatplaneten von dessen Schwester verschiebt sich der Blickwinkel.

Regisseurin Chow rückt die weibliche Seite der Macht in den Fokus: Hier ein kleines Mädchen, das von Red-Hot-Chili-Peppers-Bassist Flea (!) entführt wird und in Obi Wan ihren Retter finden soll, dort die inquisitorische Schwester Reva, die sich – schwerer Atem hin oder her – vorerst zur Hauptantagonistin des Jedionkels aufschwingen darf. Dazwischen alte Bekannte wie Jimmy Smits (als Bail Organa), Comic Relief in Gestalt von Kumail Nanjiani und ein visueller Hauch von „Blade Runner“ und – kein Spaß – „Breaking Bad“.

Nicht nur Obi-Wan scheint in den zehn Jahren seines Wüsten-Exils dabei zu größerer Erdung gefunden zu haben, sondern auch sein Darsteller Ewan McGregor, der hier endlich die Gravitas spüren lässt, die den späteren „Onkel Ben“ von „Eine neue Hoffnung“ auszeichnen sollte. Und das im Rahmen eines cineastischen Looks, der „Obi-Wan Kenobi“ auch visuell noch einmal ein gutes Stück von seinen mandalorianischen Vorgängern abhebt.

Kommt jetzt endlich der echte „Star Wars“-Neustart?

Ob die Disney-Verantwortlichen sich im Klaren darüber sind, dass sie damit einer ganzen Generation von „Star Wars“-Jüngern „Eine neue Hoffnung“ geben? Oder wird der Macht-Hunger des Imperiums zu groß? Fast zeitgleich mit den ersten Episoden hat man auch neue Trailer zum „Mandalorian“ und der schon Ende August startenden „Rogue One“-Pequel-Serie „Andor“ veröffentlicht. Wir würden lieber ein wenig länger bei „Obi-Wan Kenobi“ verweilen. Aber nach nur vier weiteren Episoden ist hier schon wieder Schluss. Wir können ihn kaum erwarten…

Die ersten zwei Episoden ab Freitag (27. Mai) auf Disney+, neue Episoden immer mittwochs.


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