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George Miller Mad Max: Fury Road


Dieser Film besitzt die Anmutung eines Hochgeschwindigkeitsprojektils, das in die Wüste geschossen wurde, damit man dessen makellose Flugbahn bestaunen kann. Reine Bewegung. Diesem Paradigma ist die ganze Dramaturgie von George Millers Reboot seines 80er-Jahre-Actionklassikers untergeordnet. Plot, Figurenzeichnung, Sounddesign: Alles ist auf Beschleunigung ausgerichtet, und der Parcours, den die Geschichte einschlägt, ist so konsequent minimalistisch wie genial verdichtet. Im Grunde besteht die Handlung von „Mad Max: Fury Road“ aus einer einzigen elaborierten Verfolgungsjagd: Es gibt einen Startpunkt A und ein Ziel B, wobei die vielleicht beste Pointe des Films die ist, dass die Fluchtbewegung nach über einer Stunde eine 180-Grad-Wendung vollzieht und der Tross zum Anfang der Jagd zurückkehrt: der Felsenfestung eines mutierten Tyrannen namens Immortan Joe, der sich von seinen Vasallen unappetitliche Flüssigkeiten aus seinen schwelenden Geschwüren absaugen lässt.

Dazwischen fliegt dem Zuschauer einmal der halbe Film um die Ohren, untermalt von einem perkussiven Heavy-Metal-Soundtrack, den ein derangierter, auf die Kühlerhaube eines Trucks geketteter Scherge auf einer feuerspeienden Gitarre live einspielt. Der Plot selbst – eine Horde deformierter Krieger in retrofuturistischen Monstertrucks jagt einen Tanklastzug mit einer kahl geschorenen Amazone (Charlize Theron) hinterm Steuer sowie fünf ätherischen jungen Frauen in luftigen Gewändern und einem wortkargen Antihelden (Max, gespielt von Tom Hardy) mit stählernem Maulkorb durch die Wüste – ist die Urerzählung eines Genres, das Anfang der Achtziger eine ganze Welle kostengünstiger Zivilisationskritik hervorbrachte, den sogenannten Endzeitfilm.

Miller ist allerdings geistesgegenwärtig genug, sein Kino von zwei entgegengesetzten Polen aus zu denken: dem Trash- und dem Kunstfilm. Diese Mischung aus Konzept und Schauwerten verortet „Fury Road“ in der noch zu selten erkundeten Nische des „Autorenblockbusters“. Actionveteran Miller, der mit „Ein Schweinchen namens Babe“ und dem Animationsfilm „Happy Feet“ zuletzt im Segment des Kinderfilms gearbeitet hat, ist gelungen, woran sich etwa das „Fast & Furious“-Franchise vergeblich versucht, nämlich Action formalistisch zu begreifen: weder psychologisch motiviert noch handlungsgesteuert, sondern als reine Bewegung, puren Selbstzweck – das aber in höchster technischer Vollendung.

Miller bedient sich einer der frühesten Sequenzformen des Erzählkinos: der Verfolgungsjagd, und inszeniert eine solche auf dem neusten Stand der Technik. Damit ist „Mad Max: Fury Road“ gleichzeitig ein Anachronismus – Miller hat seinen Film noch altmodisch gedreht, wodurch die Actionsequenzen umso realistischer wirken – und state-of-the-art, weil die digitale Postproduktion dem Film einen hochgradig artifiziellen Look verleiht, der an Video-spiele erinnert.

Ganz nebenbei hat Miller dem Action-film die Machoallüren ausgetrieben. Der rudimentäre Plot dreht sich um einen Tanklastzug voller Benzin, den eine erfahrene Kriegerin mit dem schönen Namen Imperator Furiosa im Auftrag von Immor-tan Joe durch die Wüste überführen muss. Furiosa aber stiehlt fünf Frauen des Tyrannen, die in den Gemächern der Felsenfestung als Gebärmaschinen dienen, und hängt deren schwer bewaffnete Eskorte ab, um in der postapokalyptischen Wüste eine Oase für einen zivilisatorischen Neuanfang zu finden. Ein Matriarchat als New World Order.

Am Drehbuch hat Eve Ensler, die Autorin der „Vagina-Monologe“, mitgearbeitet – mit der klaren Ansage, einen feministischen Actionfilm zu schreiben. In den USA brachte die Entscheidung „Männerrechtler“ auf die Barrikaden, die dagegen protestieren, dass Miller eine Ikone des Actionfilms seiner Männlichkeit beraubt habe. Die absurde Diskussion hat ihm in jeder Hinsicht recht gegeben. Man sieht dem neuen „Mad Max“ bis ins kleinste Detail an, dass es Miller darum ging, sein filmisches Vermächtnis zu bewahren. Gleichzeitig hat er einen irren Actionfilm auf der Höhe der Zeit gedreht. In 30 Jahren wird „Mad Max: Fury Road“ neben den Skulpturen von Richard Serra in Museen zu sehen sein. Auf Film gebannte Kinetik. Die reine Lehre des Kinos.


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