Madonna Like A Virgin


Warner

Jeder über 30 hat seine eigene Geschichte zu „Like A Virgin“. Die meisten erinnern sich an die vielen Party-Sampler, die Küsse auf dem Schulhof, bekritzelte Federmappen – und natürlich den Chor mit den lustigen Roboter-Stimmen, den Madonna sich für ihre Single „Material Girl“ engagiert hat. Die Gossenhauer auf „Like A Virgin“ kennt jeder auswendig. Aber wer hört sie sich heute noch an?

Beim Wiederhören klingen die Lieder gar nicht so putzig, wie es uns die mit allerlei Kruzifixen behangene, wie ein Flummi springende 26-Jährige damals weismachen wollte. Madonna ist in den New Yorker Clubs der Spätsiebziger groß geworden, sie war Schlagzeugerin, kannte sich mit Post-Punk aus und New Wave. Richard Kern, Susan Seidelmann, „After Hours“ von Scorsese, Richard Hell – das waren ihre Fixpunkte. Im Song „Into The Groove“ ging es um Liebe als ein Akt des Fressen-und-gefressen-werdens, und dem Aufstieg aus der Meute. Darüber darf das Disco-Arrangement nicht hinwegtäuschen.

Diese Punk-Sozialisation ist überall zu hören. Der messerscharfe Gitarrensound, das raschelnde Schlagzeug. „Like A Virgin“ und „Material Girl“ waren echte Bandsongs, die nach Live-Einspielungen klangen. Lichtjahre entfernt von unserer heutigen Vorstellung einer zum Kontrollfreak gewordenen Sängerin, dem Megastar Madonna, der irgendwann mehr Zeit am Mischpult verbringen würde als ihre Produzenten.

Madonna, die mit „Holiday“ 1983 einen ersten Single-Hit verzeichnete, schnupperte hier am Superstar-Dasein. Mit den Chic-Männern Nile Rodgers und Tony Thompson holte sie sich zwei Produzenten und Musiker, die mit Bowies „Let’s Dance“ die Messlatte für den Pop-Sound des Jahrzehnts ansetzten. Zwischen Madonna und Rodgers war sofort alles klar: „The thing between us, man, it was sexual, it was passionate, it was creativity… it was pop“, wie der Gitarrist sich erinnerte.

Fünf Singles wurden ausgekoppelt, der übrigen Stücke der Platte, „Angel“, „Pretender“ oder „Stay“, sind Filler. Die zwei erfolgreichsten Singles des Albums aber, „Like A Virgin“ und „Material Girl“, gingen auch als Zeitdokumente in die Geschichte ein. „Material Girl“ war dabei, wie so viele kritische Lieder über den Wohlstand von Yuppies in den Achtzigern, etwas abgrenzungsschwach. Irgendwie sah das, was Madonna und andere, Regisseure oder Schriftsteller, kritisierten, ja alles auch klasse aus, es las sich toll oder hörte sich gut an: Gordon Gekko, Patrick Bateman und eben das „Material Girl“.

Das zunächst tuffig anmutende „Like A Virgin“ dagegen hatte etwas größere Präzision. Madonna im Brautkleid, die Ironie. Mit diesem Song wurde Madonna zu einem Vorbild für junge Frauen, die sich von Männern nicht mehr in eine Entweder-Oder-Rolle drängen lassen wollten. „Die Leute hatten sich über mich den Kopf zerbrochen“, sagte sie damals. „Darüber, wen ich denn jetzt darstellen wollte – die heilige Jungfrau Maria, oder eine Hure.“

Und dennoch war das mit einem albernen Grinsen vorgetragene Lied immer noch um Längen subtiler als der Totalausfall fast zehn Jahre später, als Madonna mit ihrem „Sex“-Fotoband die Grenzen des Zulässigen neu definieren wollte. Da hatte sie das Gespür dafür, was ihre Hörer noch selbst über Andeutungen entdecken wollten, längst verloren.


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