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Moby Grape „The Time And The Place“



von

Miles Davis und Janis Joplin, Simon & Garfunkel und Sly Stone, Laura Nyro, Bob Dylan und Billy Joel widmete Clive Davis in seiner Autobiografie „Inside The Record Business“ viele Seiten. Erwähnt wurden da sogar auch schon mal Quicksilver Messenger Service, Randy Newman und Humphrey Bogart. Nur Moby Grape nicht ein einziges Mal. Die muss er komplett aus dem Register geschoben und verdrängt haben.

Wenigen Bands hat Columbia Records so böse mitgespielt wie diesem Quintett aus San Francisco, als man- parallel zur Debüt-LP- 10 der 13 Songs desselben auf 5 Singles veröffentlichte. Egal, ob Schwachsinn oder Hybris zu dieser ziemlich einmaligen PR-Idee inspirierte: Selbst die ruinierte nicht umgehend die Karriere der Band. Die LP schaffte es glatt auf Platz 24 der Hitparade, das unter chaotischen Umständen aufgenommene Folgewerk, obwohl Doppel-LP, sogar in die Top 20.

Bei dem markigen Titel „Wow“ durfte man sich die Frage stellen, ob die Band nun gänzlich abgehoben hatte oder durchgeknallt war. Denn wenn man Track 5 der A-Seite- die gut sieben Minute dauernde Lustbarkeit „Just Like Gene Autry: A Foxtrot“- hören wollte, musste man erst einmal nach dem Song „Can’t Be So Bad“ den Tonarm aus der Auslaufrille heben und beim Plattenspieler stilecht Schellackplatten-Geschwindigkeit einstellen. Das Papierlabel warnte ausdrücklich: „NOTE: This band is to be played at 78 R.P.M.“

Komponiert hatte den „Foxtrot“ derselbe Skip Spence, der seit den Quicksilver Messenger Service- und Jefferson Airplane-Zeiten zunehmend immer mehr LSD genommen hatte. Als eine der ersten acid casualties der Rockmusik wurde er zwar mit einer Solo-LP zur Legende. Sein Ausscheiden und das von Bob Mosley bedeuteten, dass sich die Band ganz neu erfinden musste. Die Songs, die Mosley hinterließ, waren allerdings besser noch als alle, die er für das Debüt geschrieben hatte.

Jerry Miller und Peter Lewis hatten auch ein paar ganz formidable neue komponiert. Mit denen füllten sie ihr drittes und letztes ganz großes Album, das gnadenlos unterschätzte „Moby Grape ’69“, bei dem der Begriff minor masterpiece eher eine Untertreibung ist. Manager Matthew Katz hatte die Band wohl davon überzeugen können dass sie the next big thing sein würde. Die entwickelte daraufhin hochfliegende Pläne und probte neue Songs zwischen den Live-Auftritten auch eifrig, bevor sie jemals ins Studio ging.

Kurios gerade deswegen: Von keiner anderen namhaften Westküsten-Band der Ära diesseits der Byrds gibt es mehr Studio-Outtakes, Demos und Alternativ-Mixes. Was möglicherweise auch damit zu tun hat, dass man bei Columbia nicht „kostenbewusst“ die nicht zur Veröffentlichung vorgesehenen Bänder erneut verwendete- oder aber gleich entsorgte.

Mit der Behauptung auf dem Sticker von „The Place And The Time“, es handle sich hier um „The Great Lost Moby Grape Album“, flunkert die Plattenfirma dann natürlich doch schon recht frivol. Die zwei Dutzend Aufnahmen sind tatsächlich jetzt erstmals auch auf Vinyl erhältlich. Aber viele von denen waren erstmals schon auf der 1993 vorgelegten Retrospektive „Vintage“ erschienen, teils dann auch vor einiger Zeit auf den Remaster-Editionen der Originalplatten als Zugaben mitgeliefert worden.

Hier findet man sie also alle auf einer CD versammelt, angefangen von Peter Lewis‘ „Looper“ in der „Audition tape“-Version (damals üblich: Bänder, mit denen man sich um einen Plattenvertrag bewarb) über „Seeing“ in jenem Alternativ-Take, bei dem Skip Spence in einer psychisch schon sehr desolaten Verfassung zu hören ist (Vergleichbares findet sich auf keiner Syd-Barrett-LP), bis zu dem guten halben Dutzend Demos und Outtakes von „Moby Grape ’69“, unter denselben Bob Mosley unplugged „It’s A Beautiful Day Today“ ganz innig vortragend und Peter Lewis‘ „What’s To Choose“ als Acid Rock par excellence in der Demo-Urfassung vom November 1967.

Leicht schizophren allerdings: Für das „Vintage“-Doppelset hatte das Team Bob Irwin/Vic Anesini von Aufnahmen wie „Looper“ seinerzeit ganz prima erstmals Stereo-Remixes produziert. Hier findet man das wieder in mono. (Sundazed)

Franz Schöler


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