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Morrissey Southpaw Grammar


Sony Legacy


von

Diese Edition ist die Therapierung einer narzisstischen Kränkung. 1995 wurde „Southpaw Grammar“ auf RCA Victor veröffentlicht, dem Label, auf dem die Alben von Elvis Presley erschienen waren. Der in England seit dem „Madstock“-Vorfall 1992 verfemte Morrissey wurde zuletzt mit „Vauxhall & I“ verwöhnt, einem überall gelobten Album. „Southpaw“ begegnete die Kritik- und nicht nur die britische- mit „indifference“, wie der Künstler noch heute klagt. Everett True amüsierte sich im „Melody Maker“ über Morrisseys neue Liebe zum Boxen, wie sie Titel und Cover-Motiv des Albums verrieten.

Nun war Morrissey sehr bald unglücklich über die fremde Visage auf dem Cover- dabei hatte er beschlossen, dass er sich nicht immer selbst anblicken wollte. Später erzählte ihm ein Mann des Labels Reprise- das die Platte in den USA herausgebracht hatte – dass kaum Arbeit in die Promotion investiert worden war; man glaubte bei Morrissey nicht mehr an eine Entwicklung, also ein Wachsen. Das erwies sich dann in Amerika als falsch (und auch in Europa). In England erreichte „Southpaw“ Platz 4; in Deutschland, wie üblich, nichts. Und nun führt Morrissey in seinen „Southpaw Diaries“ im Booklet bittere Klage.

„Ein Selbstgespräch“ sei dies -und zugleich ist es eine Abrechnung, könnte man denken, wie Oscar Wildes „De Profundis“, freilich weniger existenziell. Aber Morrisseys Diktion und Stil verraten, wie tief er hier in seine Seele getaucht ist. Sogar die Bemerkung des Produzenten Steve Lillywhite, wie scheußlich der Gesang bei „The Teachers Are Afraid Of The Pupils“ sei- die Morrissey zufällig hörte – ist ihm eine Reflexion wert.

Der leidende Künstler erzählt uns, wie ihm nachts Gesangspartien im Kopf herumspukten, wie sehr er sich über Spencer Cobris‘ Trommeln freute und dass Alan Whyte niemals ein Gran Anerkennung für seine Songs ernten würde (das gilt 14 Jahre später tatsächlich noch immer). Morrissey änderte jetzt das Cover: Nun sieht man ihn, mit schönstem James-Dean-Quiff, in den USA. Er änderte das Tracklisting und fügte Songs hinzu.

Sorry, Sir: „Southpaw Grammar“ ist noch immer die Platte mit den zwei Monster-Songs und mit „Reader Meet Author“, „Dagenham Dave“ und „Best Friend On The Payrol“. Da mag Boz Boorer noch so schön im Hintergrund trällern: Für zehn Minuten Song muss auch die Musik tragen, nicht bloß der Text von „Southpaw“. Übrigens kein Begriff aus dem Box-Sport, so Morrissey jetzt, sondern ein Abschnitt des Gehirns. Ein unterer wohl.


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