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Die Streifenpolizei - der Podcast für Film & Serien vom Rolling Stone & Musikexpress

Olli Schulz Scheiß Leben, gut erzählt


Als Olli Schulz noch kein TV-Promi war, mit Jan Böhmermann am Tisch sitzen oder beim „Tatortreiniger“ aushelfen durfte, schrieb er absonderliche, wunderbar lässige, lustig-ernste Lieder. Jetzt reimt er stattdessen in einer zarten Indieromanze Verse wie „Junge Frau sucht reifen Mann/ Und ruft beim Pannenservice an“. Oder er mimt den Türklinkenphilosophen: „Auf dem langen Gang des Lebens gibt es furchtbar viele Türn/ Wir wissen, wie sie aufgehn, aber nicht, wohin sie führn.“

Und auch seine Musik scheint in den letzten Jahren irgendwie einen Schlag abbekommen zu haben. Elektrostampf mit Auto‑Tune-Effekten („Ambivalent“) und Rap-Peinlichkeiten („Sportboot“) quetschen sich aufdringlich zwischen Indierock-Gassenhauer („Schmeiß alles rein“). Olli Schulz kann zwar auch Peter-Fox-mäßig bekifft grooven („Wölfe“) oder den lässigen Chansonnier spielen („Schockst nicht mehr“), schafft es aber inzwischen auch, das „Seven Nation Army“-Riff komplett zu vermurksen („Ganz große Freiheit“).

https://www.youtube.com/watch?v=yVVZoSek2eU

Kooperation

In den zehn Liedern auf „Scheiß Leben, gut erzählt“ lässt Schulz sich nie auf irgendetwas festlegen, macht keinen Pop, sondern Metapop, musiziert in seiner kuriosen Ironieblase vor sich hin und pflegt sein Ego. Auch dadurch, dass er die Songs mit all seinen aus Funk und Fernsehen bekannten Freunden schmückt: mit Olli Dittrich und Bjarne Mädel oder der „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis.

In den von Moses Schneider aufgenommenen Liedern sind Beziehungen wie ein Skatspiel, schmeckt die Liebe, wie Pisse riecht, tummeln sich Skinny Bitches, Müllsäcke und Facebook-Junkies, reimt sich „Geschlechtskrankheit“ auf „Rechtsanwalt“.

„Scheiß Leben, gut erzählt“ ist dabei immer verdammt nah dran an der Parodie, ein aus Kalauern, Klamauk, Zeitgeist, Selbstgefälligkeit und Trivialpoesie zusammengesetztes und mit lauwarmen Indiepop-Geschrammel und kruden Laptopbeats vertontes Album – ein gespielter Witz für alle, die auch über Mike Krügers „Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn“ herzhaft lachen können. (Trocadero/Indigo)


Anna Calvi live in Berlin: Nennt es „The Anna Calvi Experience“

Die Gitarre wirkt an der sylphidenhaften Erscheinung in scharlachrot wie ein gigantischer Vorschlaghammer, dessen Wucht vom ersten Ton an die Luft im ausverkauften Berliner Astra wabern lässt. Kontrolle bedeutet Macht, dessen ist sich Anna Calvi bewusst. Die wird sie an diesem Abend auch nicht mehr abgeben. „I opened the door wide / I wanted to survive“, so formuliert sie ihren natürlichen Überlebensinstinkt im männlich dominierten Revier der mit E-Gitarren-bewaffneter Jäger. Die Bühne ist eingehüllt in weiße, rote und schwarze Nebelwolken, die sich zu einem dunkelgrauen, unheilvollen Dunst vermengen. Wie der Nebel selbst gleitet Calvi mit ihrer Telecaster hauchzart vom Opener…
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