
Sie sind nicht jenes Irrlicht, das Neil Tennant in dem unvergleichlich knalligen, alarmistischen Auftaktsong „Will-O-The-Wisp“ besingen: Die Pet Shop Boys sind vielmehr ein Leuchtturm, ein Stern in der Finsternis, eine feste Burg. Man könnte schwören, dass sie dieselben Synthesizer verwenden wie bei „Rent“, „What Have I Done To Deserve This?“, „It’s A Sin“ und „Always On My Mind“. Die Fanfaren jubilieren, die Glockenspiele klingeln, manchmal ringt eine Gitarre, imitiert eine Maschine ein Saxofon, das eine Maschine imitiert.
Und auf fast jeden Knaller folgt eine Ballade: „You Are The One“, „Hoping For A Miracle“, „Only The Dark“ – da ist Tennant ganz bei sich, der alte Romantiker im ostentativen Dämmer des Sehnens. Mit den sloganhaften, erbaulichen Wummernummern „Happy People“ und „Dreamland“ (mit Years & Years) erfüllen die Pet Shop Boys etatgemäß die Ermunterungsquote. Und der quicke Witz fehlt nicht: „I Don’t Wanna“ ist Tennants satirisches „I prefer not to“ – die strikte Absage eines Jungen an das Nach-draußen–, das Ausgehen. „Monkey Business“ ist ein Stück, das auch 1988 auf der Agenda hätte stehen können – lustiger aber ist, es heute zu singen. Post allem.
Sie ignorieren lustvoll die Innovationen, Verzerrungen und Spielereien, die ihre Songs von der Verwendung an Kirmeskarussellen ausschließen könnten. Die Pet Shop Boys sind so wenig angekränkelt vom Zeitgeist, so unbeirrbar retromodernistisch wie sogar OMD oder Erasure nicht: Sie kehren sogar hinter moderat experimentelle Platten wie „Bilingual“ und „Yes“ zurück, sie spielen nach ihren Formeln und Regeln, und der Produzent Stuart Price hat ihnen (in den, Genius Loci, Berliner Hansa-Studios) den zertifizierten Sound – hier der Donner, da das Zirpen – verlässlich angemessen. Dass es sich hier um den dritten Teil einer Trilogie (nach „Electric“ und „Super“) handelt, ist eine chronologische Setzung: Ebenso gut könnte eine Trilogie mit „Please“ und „Fundmental“ abgeschlossen werden.
Zum Abschluss jedenfalls erklingt der georgelte Hochzeitsmarsch, und die Fanfaren schmettern: „Wedding In Berlin“. Wir tun es jetzt, alles gut! Echt jetzt? Diese tutig-überkandidelte Camp-Hochzeit ist dann doch weit entfernt von „Rent“. Oder, möglich bei Neil Tennant, auch gar nicht.
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