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Prince Purple Rain


Warner

Bei einer Tourbus-Fahrt durch den mittleren amerikanischen Westen kam ihm die Idee. Eine Art Springsteen-Hymne wollte Prince komponieren, bombastisch und aufrichtig. Nach getaner Arbeit rief er dann Journey-Keyboarder Jonathan Cain an, fragte ihn, ob „Purple Rain“ wenigstens eine Ähnlichkeit mit deren „Faithfully“ aufweise.

Der Song „Purple Rain“ von 1984 gilt heute als einer der signifikantesten von Prince, und er klingt wie aus dem Ärmel geschüttelt, einfach, stringent, Hitparaden-Futter. Dabei war das Stück für den Sänger ein schwieriges Projekt. Mit der Single „Little Red Corvette“ und dem zwei Jahre zuvor erschienenen Album „1999“ gelangen ihm erste Top-Ten-Erfolge in den USA; Prince wollte nun, nach fünf Alben und acht Jahren im Musikgeschäft, den Durchbruch. Er benötigte einen Singalong.

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Das Stück hatte alles: fünf Minuten Gesang, ein Refrain, der aus dem sechsmal hintereinander gerufenen Titel bestand, am Ende ein dreiminütiges Gitarrensolo mit Chorstimme, ein Ausklang mit Publikums-Klatschen sowie langsam verebbenden Streichern. Nach 8:45 Minuten war der Jubel unter den Fans groß. Der dazugehörige, gleichnamige Film, der Prince und Band auf dem Weg zum Ruhm zeigt, schien ihm gar eine Rolle als Kinostar zu ermöglichen: 80 Millionen Dollar Einspielergebnis, viel damals für einen Musikfilm. Am Ende erhielt der damals 26-Jährige Prince für den Song-Soundtrack einen Oscar.

Vom Himmel in die Hölle

Das dazugehörige Album „Purple Rain“, das nun 33 Jahre alt wird, ist heute Prince’ erfolgreichste Platte, und sie gilt als sein Meisterwerk. Die Zerrissenheit des Künstlers darauf ist nicht zu überhören, und das Werk ist deshalb auch nicht komplett gelungen. Mit dem letzten Albumdrittel, also dem Titelsong, „I Would Die 4 U“, indem er sich als Jesus inszeniert, sowie „Baby I’m a Star“ veröffentlichte Prince die bis dahin gewöhnlichsten, im schlechten Sinne freundlichsten Stücke seiner Karriere.

Diese Lieder haben nichts von dem Sex, mit dem Prince seit den frühen Achtzigern nach vorne geprescht war, und sie klingen dem Konkurrenten Michael Jackson ähnlicher, als ihm lieb gewesen sein dürfte.

Die bedeutenden Momente befinden sich weiter vorne, und sie machen „Purple Rain“ zumindest zu Prince’ bester Platte im Rock-Genre. Rezensenten waren in den Achtzigern noch verblüfft darüber, wie rockig dieser afroamerikanische Musiker auftrat; heute käme einem dieser Hinweis auf die Hautfarbe Gott sei Dank einfach nur blöd vor.

Das pastorale Orgel-Intro „Let’s Go Crazy“, eine vom-Himmel-in-die-Hölle-und-zurück-Story, markiert seine vielleicht explosivste Zeit. Hier diskutierte Prince, der fortan mit verschiedenen Künstlerpersönlichkeiten arbeiten würde, darüber, ob sich ungezügelter Sex und Gottesfurcht miteinander vertragen. „The Beautiful Ones“ ist Hörbeispiel für eines der irrsten Kontrollverluste, die ein Künstler je auf Tonspur zugelassen hat: Im live eingesungenen Track steigert Prince sich in einen Eifersuchtsanfall hinein, an deren Ende er vor Verlangen nur noch kreischen kann – sein bis heute dramatischstes, und sein bis heute auch schönstes Lied (Video: die Band Phoenix über „The Beautiful Ones“).

„Computer Blue“ begann mit einem – damals gewagten, heute eher kitschig wirkendem –  gesprochenen Intro seiner Musikerinnen Wendy Melvoin und Lisa Coleman, die, damals auch privat ein Paar, lesbischen Sex ankündigen: „Wendy? – „Yes, Lisa.“ – „Is the water warm enough“? – „Yes, Lisa“ – „Shall We Begin? – „Yes, Lisa“. „Computer Blue“ mündet in Prince’ bis dahin kontroversestes Stück, in diesem Jahrhundert wäre es jedoch keine Erwähnung mehr wert, „Darling Nikki“. Für die Textzeile „I met her in a hotel lobby, masturbating with a magazine“ wurde der heute noch immer gebräuchliche „Warning! Explicit Lyrics!“-Sticker als Warnhinweis 1984 eingeführt. Dafür dürften Prince tausende Rapper dankbar sein, die mit dem „Warning“-Label seitdem ihre Gefährlichkeit unter Beweis stellen möchten.

Der Paisley Park rief

Das auffälligste unter den neun Liedern ist natürlich „When Doves Cry“, Prince’ bis heute größter Single-Hit: Das Stück kommt ohne Bass aus, tanzbar wird es durch den knarzenden Rhythmus, den der Musiker auf seiner Linn-Drummachine programmierte. Im dazugehörigen Video kletterte der Mann in Zeitlupe aus einer Badewanne.

Der Erfolg von „Purple Rain“ ermöglichte Prince die Umsetzung ehrgeiziger Pläne. Kinofilme, dazu die erste Welttournee. Nicht zuletzt schuf das Geld die Voraussetzung für den eigenen Tonstudiokomplex namens Paisley Park, der 1988 in Minneapolis eröffnete. So entstanden die genialischen Leistungen, wie wir sie an Prince schätzten.

Seine echte Blütezeit sollte erst noch kommen, nach „Purple Rain“. In der zweiten Hälfte der 1980er landete Prince einen Volltreffer nach dem anderen. Er präsentierte jedes Jahr eine Neuentwicklung, musikalisch wie auch optisch, wie sie davor nur die Beatles zustande brachten.

Kein Künstler hat seitdem in so kurzer Zeit eine derartige Vielseitigkeit bewiesen. Eine Phalanx an Alben und Projekten, viele davon unveröffentlicht, die zum besten gehören, was je aufgenommen wurde: „Around The World In A Day“, „Parade“, „Roadhouse Garden“, „Crystal Ball“, „Camille“, „Sign O’ The Times“, „The Black Album“ und „Lovesexy“.  Die Musik war Indien, Paisley, drohender Atomkrieg, ein Gerichtstermin vor Gott, Wrecka Stow, die Venus von Milo, Identitätskrise, Bondage, Jazz, Cindy Crawford, ein Thunderbird. Zwischen 1985 und 1988 war Prince unschlagbar.

Michael Ochs Archives

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