R.E.M.: Live From Austin, TX (Kritik & Stream) - Rolling Stone






R.E.M. Live From Austin, TX


New West 05. November 2010


von

Hätte jetzt nicht unbedingt sein müssen, denkt man, so eine 70-minütige Show für die Fernsehsendung „Austin City Limits“, bei der R.E.M. im März 2008 immerhin 17 Songs spielen, davon neun vom damals noch nicht veröffentlichten Album „Accelerate“. Als zu kurz und unausgegoren hat man das in Erinnerung und freut sich gar nicht so auf die Stücke – die live dann plötzlich ungeheuer an Dynamik gewinnen und gut mit den liebgewonnenen bekannten mithalten können. Wieder mal überrascht! Weil R.E.M. so viele so grandiose Alben gemacht haben, waren die Erwartungen vielleicht einfach überdimensioniert. Auf der kleinen Bühne nehmen sie nun wieder normal-menschliche Ausmaße an. Man sieht zwei unauffällige Musiker (plus die ebenso dezenten Aushilfen Scott McCaughey und Bill Rieflin) und einen etwas exaltierteren Sänger, die keine große Show machen. Eigentlich gar keine, von Michael

Stipes Tänzeleien abgesehen. Und das ist genau richtig so, denn fürs Überlebensgroße gibt es ja schon U2. Gigantismus passt nicht zu R.E.M., auch wenn sie inzwischen mühelos Stadien einwickeln können. Ihre eben doch eher subtile Musik entfaltet erst im ruhigeren Rahmen ihre ganze Strahlkraft – wenn Mike Mills so herrlich die zweite Stimme singt, wenn Peter Buck die Mandoline auspackt, wenn die Verse einen direkt ins Herz treffen.

Selten hat man Stipe so viel lächeln gesehen – was eventuell mit seiner Ansprache vor „Supernatural Superserious“ zusammenhängt: Er habe überlegt, warum manche seiner Freunde so selbstsicher und so brillant seien, und herausgefunden, dass es daran liegt, dass sie ihre Unzulänglichkeiten akzeptiert haben: „They had embraced their inner geekness. Sorry that that phrase just fell out of my mouth, but there it is.“ Das ist natürlich auch das Geheimnis von R.E.M., sie werden immer Sonderlinge bleiben, und deshalb kann Stipe zwei Jungs auf die Bühne holen und kokett fragen, wie es ihnen gefällt, ohne dass es arrogant wirkt. „You’re awesome!“, kichert der Kleine. Wenn der demnächst Pickel bekommt und keine Mädchen und sich total deplatziert vorkommt, muss er sich daran erinnern: wie weit man ohne Coolness kommen kann. 


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