ROLLING STONE-Ausgabe 07/2019 MIT EXKLUSIVER PHIL COLLINS 7-INCH SINGLE

R.E.M. REMTV


Warner

Irgendwann, es muss im Jahr 1995 gewesen sein, standen U2 und R.E.M. gemeinsam auf der Bühne und Michael Stipe sang „One“ – jene omnipräsente Superballade der Iren, die ihren Ruf als größte Band der Welt endgültig zementierte. Während Bono und Co sich mit „Zooropa“ und immer größenwahnsinniger werdenden Tourneen von dem Anspruch verabschiedet hatten, wirklich gute Musik zu machen, sprangen die vier Jungs aus Athens ein und setzten sich selbst den Anspruch, fortan die beste Band der Welt zu sein.

Von Live-Veröffentlichungen nahmen R.E.M lange Zeit großen Abstand. Die legendären Performances bei „MTV Unplugged“ waren zwar ohne Probleme als Bootlegs verfügbar, wurden aber erst in diesem Jahr offiziell auf CD und LP veröffentlicht. „R.E.M. Live“ – ein Mitschnitt ihrer „Around The Sun“-Tour aus Dublin – war tatsächlich die erste Live-Auskopplung der Band und im Grunde eine Enttäuschung. Zu wenige Überraschungen und dazu eine Band, die deutlich mit ihrem Studiowerk haderte. Obwohl „Around The Sun“ eine runde Sache war, wollten vor allem Mills und Buck den ihrer Meinung nach viel zu gemächlichen Sound so schnell es geht vergessen machen.

Mit „Accelerate“ wurde das korrigiert – fast genauso wie ihre erste Live-Veröffentlichung, denn nach der langweiligen Konzertwiedergabe „R.E.M. Live“ wurde mit „Live At Olympia“ ein hochfaszinierendes Experiment für die Ewigkeit festgehalten: An mehreren Abenden testete die Band ihr neues Liedmaterial für „Accelerate“ und spielte vielfach Songs aus der Vergangenheit, die jahrelang nicht auf der Bühne zu hören waren. „This Is Not A Show“ skandierte Bassist Mike Mills noch vor dem Einsetzen des ersten Akkords und Sänger Michael Stipe musste sich nicht selten der Lyrics aus dem Netz bedienen, weil er die Songtexte schlicht nicht mehr im Gedächtnis parat hatte. Zu hören waren zum Beispiel alle Songs der „Chronic Town“-EP, die noch vor der mythenumwobenen Debütplatte „Murmur“ den Ruf von R.E.M. prägten, eine der talentiertesten Musikgruppen ihrer Generation zu sein.

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„REMTV“ begründet diesen Ruf nun noch einmal mit mehr als 14 Stunden Filmmaterial, darunter eine neue Dokumentation in Spielfilmlänge, die von den manchmal sogar etwas hilflosen Anfängen in der Musikszene in Athens hin bis zu jenen „Monster“-Auftritten der nicht mehr ganz so jungen Vergangenheit die Entwicklung einer Band zeigt, die im Grunde alle Metamorphosen des Ruhms durchmachte, sich aber aus einem bis heute geheimnisvollen Grund deswegen nicht ein Quantum verbiegen musste.

„R.E.M. by MTV“ kann dieses Geheimnis auch nicht aufdecken. Es liefert aber eine interessante Parallelerzählung zwischen dem Studentenkollektiv und dem einst als Anarcho-Sender gestartetem Medienunternehmen, das viele Jahre lang den Look und die Relevanz von Musik diktierte, inzwischen allerdings im Pay-TV-Modus der Rente entgegengeht.

Anders als R.E.M., die 2011 mit den Worten „R.E.M. Call It A Day“ ihren Rückzug aus dem Musikbusiness verkündeten, ohne dass ein interner Streit oder ausbleibendes Publikum die Gründe gewesen wären, wurde das Musikfernsehen rabiat aufs Abstellgleis gedrängt. YouTube beherrscht die Welt. Eine Entwicklung, die R.E.M. übrigens immer ohne Weiteres mitgetragen haben. Als eine der ersten Major-Bands machte man das gesamte Video-Archiv für Fans frei zugänglich, zunächst auf der eigenen Band-Website, später auch ohne zu Murren auf YouTube. Die Musikvideos – wie der bei den MTV VMA prämierte Clip zu „Losing My Religion“ – sind auf dieser Compilation nicht enthalten, dafür die beiden „MTV Unplugged“-Konzerte von 1991 und 2001, zum ersten Mal in voller Länge. Hinzu kommen die für deutsche Fans hochinteressanten Auftritte auf dem Roncalliplatz vor dem Kölner Dom (2001), das als kostenloses Open-Air-Konzert ein wenig an eine große Volkssause erinnerte, und bei Rock am Ring (2005), wo es wie aus Kübeln goss und selbst Michael Stipes Bühnenschminke hinweggespült wurde.

Interessant sind natürlich die frühen Fernsehauftritte der Band (Livewire von 1983, The Cutting Edge von 1984), die einen verteufelt introvertierten Michael Stipe zeigen, aber auch andeuten, warum mit diesen Jungs vor allem auf der Bühne zu rechnen war. R.E.M. reisten ja bis zu ihrer ersten größeren Pause nach der „Green“-Tour pausenlos durch die Staaten und später auch durch die Welt. Stipe murmelte apathisch, Berry trommelte ekstatisch, Mills sprang herum, zupfte die Rhythmen zurecht, sang die Backing-Vocals wie kein zweiter und bekam Verstärkung von Bucks störrischen Gitarrenriffs. Sie mögen nicht halb so attraktiv ausgesehen haben wie sie klangen, wie sie sich auf der Bühne energiegeladen und rastlos präsentierten. Aber sie setzten sich vor allem ein ehrenwertes Ziel: sich selbst nie zu langweilen.

Wenn man nun noch einmal ihre gloriosen Auftritte bei den European Music und MTV Video Awards rekapituliert, wird deutlich, dass ihnen das mehr als gelungen ist. Sind denn Songs wie „Everybody Hurts“, „The Wake-Up Bomb“ oder gar „Daysleeper“ nicht völlig ungeeignet für eine dumpfe, lärmende Dauerparty wie sie die Musikindustrie bei den Verleihungen Jahr um Jahr zelebrieren? Und doch begeistern R.E.M. mit ihren sensitiven Hymnen das ganz große Publikum. Mehr noch: Diese Band eroberte die Herzen einer ganzen Generation von Musikhörern. Wenn diese kleine (Live-)Werkschau eines beweist, dann ist es wohl die kaum gering einzuschätzende musikalische und thematische Bandbreite, die Stipe, Buck, Mills und Berry über drei Dekaden fast mühelos ausspielen konnten. Ihr politisches Engagement fand genauso einen Platz in ihren Songs wie eine stets dezent vermittelte historische wie ideologische Vermessung ihres Heimatlandes. R.E.M. waren immer eine durch und durch amerikanische Band – und sie waren trotzdem eine Band für alle.

Die verwackelten Kunstvideos ihrer Anfangsjahre wurden über die Jahre von (manchmal weniger) verwackelten Kunstvideos abgelöst. Stipe versuchte sich mit seinem Haarausfall zu arrangieren und ließ sich jene Glatze stehen, die ihn heute genauso zur Ikone macht wie der öffentliche Umgang mit seiner Bisexualität. Peter Buck und Mike Mills tauschten ihre geschmacklose Bühnenkleidung durch manchmal noch geschmacklosere Fummel aus – machten dabei aber stets eine gute Figur. Und Bill Berry schloss das Kapitel R.E.M. für sich reinen Gewissens ab und lieferte nach dem Bandausstieg nur noch einen Auftritt – bei der im Jahr 2007 längst überfälligen Eingliederung in die Rock’n’Roll Hall Of Fame. Das ist im schnelllebigen Musikbusiness mit all den verzweifelten Comebackversuchen nicht selbstverständlich und trägt auch zur Authentizitätsbewahrung dieser verschworenen Gemeinschaft bei. Fans mögen sich eine Reunion wünschen – aber sie entspräche keinen Moment jenem Freigeist, der diese Band legendär gemacht hat.

Leider sind in der DVD-Box nur die drei Songs zu sehen, die R.E.M. bei der Hall-Of-Fame-Veranstaltung vor Publikum spielten („Begin The Begin“, „Gardening At Night“, „Man On The Moon“ – eine ziemlich treffende Auswahl, um das eigene Werk zu spiegeln), nicht jedoch die wirklich zu Herzen gehende Einführungsrede von Eddie Vedder. Zurecht wird ihr in der Doku „R.E.M. by MTV“ genügend Platz eingeräumt.

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