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Review: Ryan Adams: „Wednesdays“ – Selbstmitleid im schönsten Americana-Gewand



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Wir hätten gern mit Ryan Adams über die Anschuldigungen geredet, die es vor zwei Jahren von mehreren Frauen gegen ihn gab, aber im letzten Moment sagte er das Interview ab. Anscheinend soll die Musik für sich sprechen – was schwierig ist, auch wenn es letztlich keine Anklage oder gerichtliche Verurteilung gab. Natürlich denkt man sein schäbiges Verhalten immer mit, zumal „Wednesdays“ ein klassisches Ryan­-Adams-­Album ist: Es besteht vor allem aus Selbstmitleid und Selbstbezichtigungen, und wieder einmal hat er sie ins schönste Americana­-Gewand eingewickelt, das man sich vorstellen kann: Die Melodien schluchzen, jammern und schwelgen inbrünstig.

„Adams wohnt derzeit in Los Angeles mit seinen fünf Katzen, einer Schreibmaschine und Kaffeemaschine“, heißt es im Pressetext lakonisch. Die Einsamkeit nach einer Trennung durchzieht „Wednesdays“ wie ein roter Faden. Der erste Song, „I’m Sorry And I Love You“, gibt die „Harvest“Stimmung vor; in „Who Is Going To Love Me Now, If Not You“ ist das Haus leer, der Kopf voller Erinnerungen. Ständig kämpfen die Träume mit den Dämonen, das Wissen, diesmal wirklich komplett versagt zu haben, mit den Zweifeln, ob es nächstes Mal besser gelingt. Im Titelsong singt Adams: „Woman, your silence brought me to my knees/ Where I needed to be.“ Ein bisschen schwer ist es schon, ihm diese Demut abzunehmen, eher das stoische Unverständnis von „So, Anyways“, aber beides klingt verdammt gut. Und dann setzt auch noch eine Mundharmonika ein. Der Mann, der einst wie ein „Firecracker“ brennen wollte, ruft jetzt nach „Mamma“. Die Titel erzählen im Grunde die ganze Geschichte: „Walk In The Dark“, „Poison & Pain“, „Lost In Time“, „Dreaming You Backwards“.

„Wednesdays“ ist Ryan Adams’ 17. Album, das 2019 abgesagte „Big Colors“ und ein weiteres sollen jetzt folgen und eine Trilogie vervollständigen, die schon etwas Tragisches hat: So inspiriert klang Adams lange nicht mehr, und noch nie war es so schwer, sich darüber einfach zu freuen. (Pax Americana)


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