Sleater-Kinney

„Little Rope“ – Hölle aus Eis

Loma Vista (VÖ. 19.1.)

Im Angesicht des Todes gelingt dem Duo ein erhebender Akt der Verzweiflung.

Es ist eine kalte, grausame Welt, in die uns Sleater-Kinney auf dieser Platte werfen. Eine Welt ohne Gnade, in der die Gesetze einer höheren Macht gelten, die niemand mehr versteht. Wo die Grenzen emotionaler Belastbarkeit aufgesprengt werden. „Little Rope“ beginnt mit einem Vulkanausbruch, der Gewissheiten ausradiert. Der Song heißt „Hell“. Aber in dieser Hölle lauern eisige Erkenntnisse: „Hell don’t have no future/ Hell don’t have no past/ Hell don’t have no worries“, singt Corin Tucker mit gleißendem Zorn, bevor alles um sie herum zu Staub zerfällt. In dieser Endzeithymne wirkt sogar der Satz „We’re gonna live at last“ wie Fatalismus.

„Little Rope“ ist ein Album aus Seelenqual und Apathie

Carrie Brownstein und Corin Tucker betreiben Sleater-Kinney seit dem Ausstieg von Schlagzeugerin Janet Weiss im Jahr 2019 zu zweit. Mit „Path Of Wellness“ mussten sie die Lücke erst mal schließen, und sie suchten nach einem Sound als Duo. Ein Schicksalsschlag von schwindelerregendem Ausmaß hat die beiden nun noch enger zusammengeschweißt. 2022 verunglückten Brownsteins Mutter und Stiefvater tödlich bei einem Autounfall in Italien. Und auch wenn ein Großteil der neuen Songs zum Zeitpunkt der Tragödie schon geschrieben war, schweben Trauer und Verzweiflung wie ein Damoklesschwert über den Aufnahmen. Ständig drohen weitere Erschütterungen. Endet etwas gewaltsam. Wird Liebe zermalmt. Bulldozert der Horror über alles, was Trost spendet.

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„Little Rope“ ist ein Album aus Seelenqual und Apathie, Quecksilber und gefrorenem Stickstoff – und eines der unerbittlichsten der US-Rockband. Produzent John Congleton (Sharon Van Etten, Xiu Xiu), ein Spezialist für unheilvoll aufwallende Klangpanoramen, spannt die Stücke oft bis kurz vor dem Zerreißen, etwa den infernalischen Speed-Blues „Six Mistakes“ oder die Punk-Hysterie von „Small Finds“. Man muss an die letzten Low-Platten denken, an St. Vincents Glamrock-Momente und PJ Harveys „The Hope Six Demolition Project“. „Say It Like You Mean It“ klingt, als hätten Arcade Fire eine Studio-Session mit Rosanne Cash veranstaltet. Die einsamen Gipfel aber sind das nervös pumpende „Crusader“ und der apokalyptische Gospel „Untidy Creature“. Sleater-Kinney schlagen die existenzielle Sinnlosigkeit mit Mut und Wut zurück, ohne ihre Wunden vor uns zu verbergen.