Toggle menu

Rolling Stone

Back to top Share
Artikel teilen
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Whatsapp
  • Email
Search

Sonic Youth Bad Moon Rising

Blast First/Homestead

Kommentieren
0
E-Mail
Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von
Caption
Foto: Blast First/Homestead

1975, als New York mitten in einer tiefen wirtschaftlichen Krise steckte, die Müllabfuhr wöchentlich streikte und die Kriminalität Überhand nahm, sah sich eine gewerkschaftliche Zweckgemeinschaft aus Polizisten, Feuerwehrmännern und anderen Vertretern des öffentlichen Dienstes gezwungen, Touristen am Flughafen mit großen Plakaten vorzuwarnen, gar abzuschrecken. „Welcome to Fear City“ stand da in fetten Lettern über einem Totenkopf, darunter die Aufschrift „A Survival Guide for Visitors to the City of New York“. Die Flugblätter wurden zwar aufgrund ihrer schlechten PR schnell wieder vergraben, die bedrückende Stimmung aber blieb wie eine schwarze Wolke über der Stadt hängen. In Martin Scorseses „Taxi Driver“ kann man dieses verwahrloste New York noch heute sehen.

Das Cover des zweiten, im März 1985 erschienenen Sonic Youth-Albums, „Bad Moon Rising“, zeigt einen Strohmann mit brennendem Kürbiskopf vor einer in apokalyptischen Farben schimmernden, schwarzen Skyline von Manhattan; die Songs heißen „Brave Men Run (In My Family)“ und „Society Is A Hole“. Es gibt wahrscheinlich kaum eine andere Platte, welche die beklemmende Stimmung jener Tage von New York so zwingend einfängt wie diese; und dabei auch deutlich macht, wie sehr die unversöhnlich-dissonanten, oft beängstigenden Feedbackorgien und Gitarrengewitter vieler No-Wave-Bands die akustische Verarbeitung dessen sind, wie sich das Leben im damaligen Big Apple angefühlt haben muss.

Kim Gordon berichtet in ihrer jüngst erschienenen Autobiografie „Girl In A Band“ u.a. davon, wie sie auf dem abendlichen Heimweg auf verlassenen Downtown-Straßen Manhattans oft in der Mitte gegangen sei –  um den aus den Häusern kommenden Ratten besser ausweichen zu können.

Allerdings waren Sonic Youth Mittelklasse-Sprösslinge mit Collegeabschluss und Kunsthochschulhintergrund, die diese Atmosphäre weniger durch eine sozialrealistisch involvierte Perspektive abbildeten, sondern mit Versatzstücken aus Trash-Filmen, Heavy-Metal-Symbolen und surrealistischen Bildern neu zusammenfügten und nachbauten. Denn im Gegensatz zu den Lärmorgien von „Confusion Is Sex“, die noch wie eine ungefilterte Urgewalt über den Hörer hineinbrachen, zeigen die Songs auf „Bad Moon Rising“ bereits ein höheres Maß an Struktur und Durchdachtheit, greifen manchmal sogar vorsichtig auf Intros, Strophen und andere popmusikalische Ordnungsmuster zurück. Die Referenz zum gleichnamigen Creedence-Clearwater-Revival-Song kann man als Signal für eine Öffnung in diese Richtung sehen.

So sind bereits erste Klassiker auf „Bad Moon Rising“ zu finden, allen voran das brachiale „Death Valley ’69“, bei dem auch Lydia Lunch, das damalige enfant terrible der New Yorker Musik- und Kunstszene, mitsingt. Zum ersten Mal drehten Sonic Youth auch ein Musikvideo, welches der befreundete Avantgarderegisseur Richard Kern inszenierte. Das Video ist eine höchst stilisierte Bilderflut, und montiert von der Band selbst nachgestellte Szenen wie aus einem B-Horrorfilm auf surrealistische Weise mit Liveaufnahmen und Bildern von Friedensdemonstrationen. In seiner transgressiven, schier wahllosen Choreografie ist das Video ein früher Höhepunkt in der Karriere von Sonic Youth.

Ganz so ikonisch ist das restliche Material auf „Bad Moon Rising“ allerdings nicht, viele der Songs sind eher verzerrte Skizzen als ausgereifte Stücke. Die Verbindung der melodiösen Komplettverweigerung der No-Wave mit einer klassischen Rock-‚N’-Roll-Attitüde ist auf „Bad Moon Rising“ noch eher offenes Experiment, als konsequente Strategie. Eine zwingende Atmosphäre kreiert die Band trotzdem, weshalb fehlende Feinheiten im Songwriting nicht weiter ins Gewicht fallen. Die brodelnden Arrangements von „Brave Men Run (In My Family)“ und drone-artige „I’m Insane“ nehmen durchaus gefangen.

Nur ein Jahr später hatte die Band jedoch auf „E.V.O.L.“ die losen Enden zusammengeführt und schaffte es, Experiment und Struktur, Pop und Avantgarde, Kunst und Rock ‚N’ Roll auf einer ihrer größten Platte zu verschmelzen. Trotzdem markiert „Bad Moon Rising“ mit seiner Hinwendung zu gängigeren Songstrukturen einen wichtigen Sprung in der Entwicklung der Band – und ebnete damit den Weg für die späteren Meilensteine, allen voran „Daydream Nation“, dasden amerikanischen Underground-Sound der Ära mitdefinieren und für Jahre verändern sollte wie kaum eine zweite Platte.

Danach musste eben jene New Yorker Kreativszene der Gentrifizierung weichen. Heute sind die ehemaligen Gefahrenzonen in Downtown Manhattan und der Lower-East-Side begehrte Immobilienblöcke für Wohlhabende, in denen schicke Boutiquen eröffnen. Ein neues CBGB’s wird dort so bald nicht mehr entstehen.

Kommentieren
0
E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel
  • A Most Violent Year Regie: J. C. Chandor

    1975, als New York mitten in einer tiefen wirtschaftlichen Krise steckte, die Müllabfuhr wöchentlich streikte und die Kriminalität Überhand nahm, sah sich eine gewerkschaftliche Zweckgemeinschaft aus Polizisten, Feuerwehrmännern und anderen Vertretern des öffentlichen Dienstes gezwungen, Touristen am Flughafen mit großen Plakaten vorzuwarnen, gar abzuschrecken. „Welcome to Fear City“ stand da in fetten Lettern über einem […]