Sonic Youth Goo

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Dass es Major-Labels nach hippen Undergroundkünstlern lechzt, ist heute keine Erwähnung mehr wert. 1990 aber hielt die Nachricht, dass eine Firma wie Geffen die eigene Lieblingsband unter Vertrag genommen hatte, Fans amerikanischen Indierocks in Atem. In den USA hatte sich nach der Wiederbelebung der DIY-Attitüde in den Achtzigern – und im Zuge der Punk-Explosion – ein wahres Netz an Alternative-Acts, Labels und Clubs gebildet. SST Records, Dischord und Sub Pop gaben den entgrenzten stilistischen Auswüchsen der amerikanischen Undergroundmusik der 1980er ein Zuhause. Und sie verstanden sich als idealistische Gemeinschaft, nicht als wirtschaftliche Unternehmen. Jene sich selbst ernährende Szene existierte außerhalb von MTV, kommerziellem Radio und großen Plattenfirmen – als Band von einer in die andere Welt zu wechseln, setzte die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel.

Außer vielleicht der ein Jahr später erschienen „Nevermind“ symbolisiert wohl kaum eine andere Platte das Einreißen eben jener Grenze zwischen Underground und Mainstream so symbolträchtig wie „Goo“, das 1990 veröffentlicht wurde. Sonic Youth hatten die Independentmusik der 80er mit ihren dissonanten Gitarren, intertextuellen Bezügen zu Thrash, Kunst und Klassik sowie ihrer ikonoklastischen New Yorker Attitüde von Anfang an geprägt, ja verkörpert wie keine zweite Band. Ihr Magnum Opus „Daydream Nation“ von 1988 ist die vielleicht bedeutendste Platte dieser Ära. Dass die Band am Zenit ihres Schaffens dem Angebot von Geffen Records nachkam, markierte für nicht wenige Fans und Kritiker den Ausverkauf. Die juristische Klage des Labels gegen Neil Young wegen „absichtlicher Produktion umkommerzieller Alben“ einige Jahre zuvor hatte Geffen nicht gerade als Hort für freie künstlerische Entfaltung erscheinen lassen. Die damaligen Zugpferde des Labels – Aerosmith, Guns ‚N‘ Roses und Peter Gabriel etwa – waren zudem alles andere als angesehene Referenzen in der Welt, in der sich Sonic Youth bewegten.

Endlich Krankenversicherung

Bei alledem waren Sonic Youth jedoch nicht die erste Band dieser Szene, die zu jener Zeit bei einem Majorlabel unterschrieb: The Replacements veröffentlichten ihr viertes Album „Tim“ 1985 bei Sire, Hüsker Dü wechselten 1986 mit „Candy Apple Grey“ zu Warner, genau wie R.E.M. zwei Jahre später mit „Green“. Alle drei veröffentlichten auch bei den Majors großartige Platten, The Replacements und Hüsker Dü aber waren wenige Jahre später ausgebrannt und hatten sich aufgelöst; R.E.M. fanden geradewegs in die Top 20 und Stadien. Vom Jahr 1990 aus betrachtet alles keine allzu gelungenen Beispiele für die gelungene Überführung einer DIY-Mentalität in das System Major-Industrie.

„Goo“ ist von daher eine Pioniertat, weil es den Grundstein für die zweite Phase in der Karriere von Sonic Youth markiert. In dieser zeigte die Band, dass man auch innerhalb des Majorlabel-Systems avantgardistische, kompromisslose Musik machen und sich seine künstlerische Integrität und Kontrolle bewahren kann – „A Thousand Leaves“ und „NYC Ghosts & Flowers“ etwa, zwei der forderndsten Alben der Band, erschienen während der Geffen-Jahre. Was die Band selbst sich von dem Deal erhoffte, hatte auch weniger mit großen Budgets und Starproduzenten zu tun, sondern war „eine professionelle Veröffentlichung und Abrechnung plus Krankenversicherung“ wie Thurston Moore die Erwartungen damals nüchtern zusammenfasste.

Beinahe hätte Daniel Lanois mitgemacht

Die Ängste hinsichtlich eines schnöden Ausverkaufs wurden denn auch widerlegt, als „Goo“ im Juni 1990 in die Läden kam. Dass die Band das heute berühmte Cover von Raymond Pettibon designen ließ, einem New Yorker Künstler, der unter anderem schon für Black Flag und The Minutemen Plattencover gestaltet hatte, war schon das erste Indiz dafür, dass man künstlerisch keinen Bruch, sondern eine nahtlose Weiterführung im Sinn hatte. Ebenso auch die Entscheidung, „Goo“ mit Hilfe von Nick Sansano, der schon als Toningenieur bei „Daydream Nation“ tätig war, selbst zu produzieren, anstatt mit U2-Produzent Daniel Lanois, wie man es bei Geffen vorgeschlagen hatte.

„Goo“ ist zwar minimal zugänglicher als seine Vorgänger, jedoch liegt das vor allem daran, dass Sonic Youth im Laufe der Jahre eine beeindruckende kompositorische Perfektion in ihre Krachorgien gebracht hatten. Der improvisierte Dilettantismus der Anfangsjahre war spätestens bei „Daydream Nation“, in jedem Fall aber bei „Goo“ einer stilsicheren Virtuosität gewichen; freilich ohne dass dadurch die Kanten abgeschliffen wurden. So klingen Songs wie „Dirty Boots“ oder auch „Titanium Expose“ druckvoller und fokussierter, als man das auf früheren Sonic Youth-Platten hören konnte. Ganz so, als wolle die Band versichern, dass der Wechsel zum Major keine Weichspülung bedeuten würde.

Trotz erhöhter Eingängigkeit sind die Songs alles andere als konventionell gestrickt. Noch immer dachten Sonic Youth weniger in linearen Popstrukturen, denn in einer Übereinanderschichtung von Klängen (48 Aufnahmespuren hatten Sansano und die Band bei einigen Tracks verwendet). Das siebeneinhalb-minütige „Mote“ ist zur Hälfte eine lärmende Feedbackorgie, „Tunic (Song For Karen)“, eine möglicherweise ironische Hommage an die verstorbene und in Indie-Kreisen geliebte Popstar-Sängerin Karen Carpenter, dehnt einen monotonen Rhythmus ohne große Variation auf über sechs Minuten aus, während Kim Gordon ihren Text eher vorliest als singt. Ausgefranste Klangminiaturen wie „Mildred Pierce“ und „Scooter & Jinx“ hätte sich keine andere Band jener Tage bei ihrem Majordebüt getraut. Bei „Kool Thing“ rappt gar Chuck D mit – ein symbolträchtiger Schulterschluss mit einem der Hauptprotagonisten einer anderen damals zu immenser Wichtigkeit gewachsenen Musikszene, die Anfang der 90er durch etwa den Wu-Tang Clan, die Beastie Boys und eben Public Enemy auf noch nachdrücklichere Weise ihren Weg in den amerikanischen Mainstream fand.

Als Sonic Youth mit den Songs von „Goo“ im Gepäck auf Tour gingen, nahmen sie eine damals noch unbekannte Band namens Nirvana ins Vorprogramm; und legten danach bei Geffen ein gutes Wort für die Musiker aus Seattle ein. Nur ein Jahr später erschien deren Majordebüt „Nevermind“ bei eben jenem Label. Der Rest ist Geschichte.

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