Sting – Mercury Falling


Mercury heißt Quecksilber. Laß einen Tropfen davon fallen – er zerspringt in viele kleine Kügelchen, die dann, neu sortiert, wieder zu einem Tropfen zusammenfinden werden. Nehmen wir „Twenty Five To Midnight“, eine (durch den 7/4-Takt leicht pervertierte) Soul-Nummer mit einem Mittelteil, in dem Sting Latin und Rock bruchlos ineinanderfügt, um wieder beim Soul zu landen. Oder „La Belle Dame Sans Regrets“, ein Bossa Nova reinsten Wassers, gleich wird die Tür aufgehen und Stan Getz kommt mit Astrud Gilberto herein, aber nein, Sting hebt an zu singen, und zwar auf französisch so unerwartet in diesem Kontext, daß man sich fünf Minuten lang im falschen Film wähnt, oder in zwei Filmen gleichzeitig.

Gottlob, er liebt die Irritation nach wie vor, von daher braucht einen die lasche Gospel-Single „Let Your Soul Be Your Pilot“, die auch auf eine Rod-Stewart-CD passen würde, nicht abzuschrecken. In ihrer unauffälligen Schlichtheit war sie allerdings sehr wohl ein Vorbote: Anders als zuletzt auf „Ihn Summoner’s Tales“ hat Sting seinen Stil-Spielereien alle Plakativität genommen. Er springt nicht mehr von Genre zu Genre, macht eher kleine, wohlabgemessene Schritte; die Verschiebungen sind zart, die Wendungen passieren wie nebenbei, gerade auffallig genug für das gewisse Etwas: Rockriffe im 9/8-Takt „I Hung My Head“), eine Geschichte aus Chile in irischem Stil („Valparaiso“), ein zutiefst philosophischer Text mit Country-Musik samt Um-Pah-Baß und schluchzender Pedal-Steel-Guitar („I’m So Happy I Can’t Stop Crying“), eine Police-ige Komposition im Motown-Gewand („You Still Touch Me“). Soul, tatsächlich. Gleich für fünf Nummern hat er die Memphis-Horns gemietet und versteckt Zitate wie Ostereier: hier ein Fetzen vom „Soul Man“-Riff, da die Baßfigur von „My Girl“ – und woher stammt nochmal jene harmonische Wendung, war’s Detroit oder Memphis?

Bei allen Anleihen klingt er stets nach sich selbst (in der Band sind nach wie vor Dominic Miller und Vinnie Colaiuta, Kenny Kirkland ist zurückgekommen), vertraut und doch neu: Die Songs trumpfen nie auf, sie haben einen beinahe bescheidenen, zeitlosen Charme, und die Texte, wiewohl voller Konflikte und tragikomischer Ereignisse, verströmen Optimismus und eine ungeahnte Leichtigkeit.

Mag sein, daß gepeinigte, getriebene Gestalten packender sind, aber Sting nimmt eben längst kein Koks mehr, sondern Yoga-Stunden, und den meisten faszinierenden Neurotikern hat er eines voraus: Er entwickelt sich weiter. Prätentiös? Kein bißchen mehr. „Mercury Falling“ ist die Platte eines Mannes, der sich mit seinen fieseren Geistern versöhnt hat, und der musikalisch weder sich noch der Welt irgendetwas beweisen muß. Und indem er diesmal seine stilistischen Fertigkeiten nur einsetzt, nicht ausspielt, gewinnen seine Songs auch die emotionale Tiefe zurück. Sie sind nicht zornig, nicht ehrgeizig. Aber sie tun gut.


ÄHNLICHE KRITIKEN

Sting :: My Songs

Solide, wenig überraschende ­Neuaufnahmen der Klassiker

Sting & Shaggy :: 44/876 

Gehen ein Weltbürger und ein Dancehall-Showman ins Studio … dann entsteht erstaunlich entspannter Reggae-Spaß

Sting :: … Nothing Like The Sun"

Südamerika, USA, Europa – Sting verarbeitet seine musikalischen Reisen zu einer Doppel-LP.


ÄHNLICHE ARTIKEL

Sting über ein mögliches Biopic über ihn: „Auf gar keinen Fall“

In einem Interview spricht Sting über seine vergangenen und zukünftigen Filmprojekte. Dabei erteilt er einer filmischen Biographie im Stil von „Bohemian Rhapsody“ eine Absage.

Sting live in Deutschland 2020: Tickets, Termine, Vorverkauf

Sting setzt im Herbst seine „My Songs“-Tour fort: Konzerte in Oberhausen, Hamburg, Leipzig, und in der Schweiz in Zürich

Sting im Interview: „Jetzt kommen Greta Thunberg und die nächste Generation“

Ein Gespräch mit IMA-Preisträger STING über sein politisches und ökologisches Engagement, den Wahnsinn des Brexit, den Sänger als Schauspieler und die neuen Interpretationen alter Songs


Sting live in Deutschland 2020: Tickets, Termine, Vorverkauf

Sting führt seine „My Songs“-Tour im Herbst 2020 fort: Er kommt für vier Konzerte nach Deutschland und in die Schweiz. Vom 14. bis 18. Oktober 2020 tritt der IMA-Preisträger in Oberhausen, Hamburg, Leipzig sowie Zürich auf – zuvor hatte er bereits ein paar Sommer-Auftritte angekündigt. Tickets für „Sting: My Songs“ gibt's ab Freitag, 24. Januar 2020, 10:00 Uhr. STING: MY SONGS 14. Oktober 2020        Oberhausen     Königpilsner Arena 15. Oktober 2020        Hamburg          Barclaycard Arena 16. Oktober 2020        Leipzig             Quarterback Immobilien Arena 18. Oktober 2020  …
Weiterlesen
Zur Startseite