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The Cure Bloodflowers

Fiction

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Die musikalische Landschaft im Jahr 2000 war vieles, aber kein Umfeld, in dem The Cure noch einen wirklichen Platz hatten. Coldplay und Eminem waren dabei, den Grundstein für zwei sehr unterschiedliche Weltkarrieren zu legen. Radiohead versuchten sich mit „Kid A“ gar an der Dekonstruktion der Popmusik. Und der durch „Is This It“, dem famosen Debütalbum der Strokes, erbrachte Beweis, dass Gitarrenmusik nicht tot war, lag noch in der Zukunft. Aber es gab in den folgenden Jahren auch Bands wie Interpol, die Yeah Yeah Yeahs oder The Drums: Sie trugen mit hall-getränkten Gitarren deutliche Spuren des New-Wave-Klangs. Und machten Veteranen wie The Cure, Echo & The Bunnymen oder Joy Division wieder zur Referenz für aktuelle Musik.

Und doch wurde „Bloodflowers“ als Rückkehr gefeiert, nachdem der Vorgänger „Wild Mood Swings“ mit seiner eklektischen Stilmischung aus Samba, College-Rock, Jazzpop und klassischen Cure-Sounds bei Fans und Kritik durchfiel – ähnlich wie auch das unterschätzte „The Top“ 1984.

Rückblickend lässt sich gut verstehen, weshalb viele in den neun neuen Stücken eine große Platte von Robert Smith gesehen haben, gerade wenn man auch noch an die Abwege denkt, auf die sich die Band 2004 mit ihrem selbst betitelten und von New-Metal Produzent Ross Robinson betreuten Album gaben. Dazwischen erscheint „Bloodflowers“ als das zielgerichteste Werk im Spätwerk der Band.

„Out Of This Wolrd“ heißt der erste Song auf „Bloodflowers“, und wie könnte man passender zusammenfassen, worum es bei The Cure geht? Um Musik von außerweltlicher Schönheit, von Eskapismus aus der Tristesse des eigenen Alltags, wenn auch stets nur für eine flüchtige Stunde. Mit schwärmerischen Gitarren zielt der Song himmelwärts (bzw. höllenwärts), wie alle großen Cure-Songs, ist aber auch von einer gewissen Bescheidenheit durchzogen, wie man sie so selten gehört hatte von dieser Band.

Ganz allgemein erscheint der klassische Sound von „Bloodflowers“ im Angesicht des fortgeschrittenen Alters von Robert Smith, der zur Veröffentlichung auf die 40 zuging, auch als Versuch, sich in der Spätphase einer von großen Experimenten geprägten Karriere auf die eigenen Kernkompetenzen zu besinnen und auf allzu große Experimente zu verzichten. Die persönliche Dimension des Albums wird nicht zuletzt auch durch das Foto Smiths auf dem Cover unterstrichen – und so werden, wie in „Maybe Someday“, große Melodien gespielt – während Smith von der Ermüdung erzählt, die sich im Leben irgendwann einstellt: „No I won’t do it again, I don’t want to pretend, if it can’t be like before, I’ve got to let it end.“

Die etwas ermüdende Länge vieler Songs wie auch die bekannten Elemente im Klanggerüst könnten den Anschein erwecken, hier zitiere sich eine Band aus Mangel an Ideen selbst. Dennoch weisen solche Zeilen darauf hin, dass doch mehr autobiografische Angst, Bedauern und Sehnsucht in diesen Songs stecken, als man auf Anhieb annehmen könnte. Auch die immer wieder durch die langsamen Rhythmen brechende Dringlichkeit, wie etwa in „Watching Me Fall“ unterstreicht das. Hinter seiner Bühnenfassade aus Lippenstift und Spinnennetzhaaren erzählt Robert Smith von sich selbst, wenn er in „The Last Day Of Summer“ wehmütig singt: „it used to be so easy, I never even tried“. Gerade dadurch ist „Bloodflowers“ im Endeffekt doch eher berührende Rückschau als bloße Fingerübung.

Das Album wurde bei Erscheinen von Smith als letzter Teil einer Trilogie angekündigt, bestehend aus „Pornography“ (1982), „Disintegration“ (1989) und eben „Bloodflowers“. Über den Sinn dieser Verbindung lässt sich natürlich streiten. Was allemal feststeht: Dieser letzte Teil stellt natürlich keinen Karrierehöhepunkt mehr dar, wie das bei den beiden anderen Platten der Fall war. Nichtsdestotrotz spielten The Cure im Herbst 2002 drei tolle Konzerte im Berliner Tempodrom, bei denen sie alle drei Alben pro Abend in ihrer Gänze aufführten. Der Konzertmitschnitt wurde 2003 als DVD unter dem Titel „Trilogy“ veröffentlicht und stellt das vielleicht schönste von so vielen Livedokumenten der Karriere von The Cure dar.

„Bloodflowers“ ist, mit Ernest Hemingway gesprochen, das Cure-Album, bei dem man den älter werdenden Mann vor sich sieht, der für einen Moment innehält und sich mit Blick auf das Meer an sein Leben erinnert. Und dabei auch nur die unausweichliche Einsicht findet, dass im Leben keine absolute Erkenntnis zu gewinnen ist: „the world is neither fair nor unfair, it’s just a way for us to understand“.

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