The Jayhawks: Mockingbird Time (Kritik & Stream) - Rolling Stone






The Jayhawks Mockingbird Time


Decca/Universal


von

Die Musik der Jayhawks hatte Anfang der Neunziger nicht so viel Landstraßenstaub in den Lungen wie die all der anderen Alternative-Country-Bands jener Jahre. Es regnete viel in den süffigen Liedern, die die beiden Songwriter Mark Olson und Gary Louris aus Melancholie und Folk (Olson), Pathos und Pop (Louris) spannen. Alben wie „Hollywood Town Hall“ und „Tomorrow The Green Grass“ waren Meisterwerke des Genres. 

Ende 1995 verließ Olson die Band, um sich um seine MS-kranke Frau, die Songwriterin Victoria Williams, zu kümmern. Das Ehepaar nahm mit Freunden als The Original Harmony Ridge Creekdippers schräge, eigenwillige Folkplatten auf, Louris machte mit den Jayhawks weiter, steuerte sie ein bisschen orientierungslos durch muskulösen Rock, Pop und Country. Olsons Ehe scheiterte, und er ging wieder mit Louris auf Tour, die beiden nahmen ein gemeinsames Album auf, und im Klima der großen Band-Reunions unserer Tage war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch die Jayhawks zurückkehren würden. „Mockingbird Time“ ist nun das erste Album der Band in der klassischen Besetzung, zu der auch Keyboarderin Karen Grotberg, Bassist Marc Perlman und der Schlagzeuger Tim O’Reagan gehören.

Im Eröffnungsstück „Hide Your Colors“ klingen die Gitarren so sehr nach dem, was man sich Mitte der Neunziger unter Rockmusik vorstellte, dass man gerührt und zugleich ein bisschen peinlich berührt ist, doch dann beschwören die Harmonien – Olson schwermütig und Louris emphatisch – die alte Magie, Streicher süßen, die Beatles grüßen, Tränen fließen. „Closer To Your Side“ hält das Niveau mit leicht britischem Folk-Einschlag, „Tiny Arrows“ steigert sich von einer hübschen Stilübung im Blues zur innigen Ballade, das jingle-jangelnde „She Walks In So Many Ways“ blendet Olson-Sentiment und Louris-Pop perfekt zusammen, „High Water Blues“ mischt Grand Funk Railroad und Psychedelia. Der wehmütige Titelsong spannt schließlich den Bogen vom Gestern zum Heute. „Yesterday is gone like the wind“, singt Olson und „I want to make something for you that brings you joy“. Es ist alles wieder wie früher, nur ein bisschen lauter. Gary Louris, der das Album produzierte, würde aus den Jayhawks wohl immer noch gerne eine Rockband machen.

Die Zwischentöne und die überraschenden Songs kommen in der zweiten Hälfte, nachdem der lang erwartete Regen im hübschen „Stand Out In The Rain“  übers Land gezogen ist: das groovende, mit Neil-Young-Referenzen gespickte „Cinnamon Love“, der von einem irren Vorwärts-Rückwärts-Gitarrenintermezzo durchkreuzte Country-Schieber „Guilder Annie“, das keltisch anmutende „Black-Eyed Susan“ und der zärtliche Shuffle „Pouring Rain At Dawn“.

Fast manisch verabschieden sich die Jayhawks dann mit dem Dad-Rock „Hey, Mr. Man“, doch selbst den biegen sie noch zu lieblichen Harmonien. „Go back to the farm, go back to the farm“, singen Louris und Olson am Ende fast mantraartig. Man kann nur hoffen, dass sie bereits am Ende einer regennassen Landstraße für eine Europatournee proben. 

Beste Songs: „Cinnamon Love“, „Pouring Rain At Dawn“

The Jayhawks: Mockingbird Time EPK from Rounder Records on Vimeo.


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