The Libertines Anthems For Doomed Youth

Universal

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Elf Jahre können viel verändern, angefangen bei den Grundvoraussetzungen: Im Gegensatz zu den gefeierten Vorgängern von 2002 und 2004 ist „Anthems For Doomed Youth“ nicht mitten aus dem Leben, dem Ruhm, dem Rausch und Raufen zweier Wunderkinder entstanden. Pete Doherty steckte mal wieder in einer Entziehungskur, als Carl Barât ihn in Thailand besuchte, um über das seit fünf Jahren ausstehende Reunion-Album zu sprechen. Insgeheim fürchteten beide, sie müssten auf altes Material zurückgreifen, doch dann fühlte sich plötzlich wieder alles an wie früher: „dirty fucking rock’n’roll“, den auch der neue Pop-Produzent Jake Gosling (One Direction, Ed Sheeran) nicht an die Leine nehmen konnte.

Und doch klingt alles irgendwie … Erwachsener? Nein, das ist es nicht. Die Songs stolpern nur einfach nicht mehr wie besoffen aus den Boxen. Die schiefe, unberechenbare, sich selbst verzehrende Energie wurde in geordnete Bahnen gelenkt. Uptempo-Stücke wie „Heart Of The Matter“ sitzen, ohne auszufransen, das eiernde Doherty-Demo „The Milk­man’s Horse“ ist mit neuem Chorus jetzt ein Singalong-Hit zum Feuerzeugschwenken. Auch schlendernde Fingerübungen wie „Iceman“ hätten die Libertines früher mit Understatement hingeworfen (man denke an „Radio America“), heute wird hymnisch und auf den Punkt der Pop herauspoliert.

Am erstaunlichsten ist aber, dass die einst so arschcoolen Lads keinen Grund mehr sehen, Zweifel und Zerbrechlichkeit mit Ironie zu brechen, selbst wenn dabei Oasis-Sentimenta­lität oder sogar Kitsch herauskommt. „You’re My Waterloo“ ist nur eine von drei Balladen, in denen Doherty sich so direkt an seine Dämonen wendet, als säße er noch in der Therapiesitzung. „Everybody’s gonna be happy“, singt er mit brüchiger Stimme, während Piano und Streicher eine Stimmung erzeugen, die man aus Lou Reeds „Perfect Day“ kennt, eine seltsame Mischung aus Trauer und Dankbarkeit, die wohl nur ein Überlebender zu fühlen vermag.

Doherty ist jetzt 36, ein Rock’n’Roll-Märtyrer kann rein alters­technisch nicht mehr aus ihm werden, und er weiß das. Im letzten Stück, der theatralischen Mörder­ballade „Dead For Love“, reißt er sein dunkles Herz weit auf: „Alles, was er je getan hat, tat er aus Liebe!“, barmt er, über einen Toten gekauert, während sich geisterhafte Klavier-Synthies dramatisch in den Nachthimmel schrauben. Dann steigt der letzte Überlebende über die Leiche hinweg aus dem Schatten. Ein Fuck-up. Ein Neuanfang. Eine konsequente Fortsetzung der ersten beiden Alben – angereichert mit der Reue von elf vergeudeten Jahren.

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