The Saints
„Long March Through The Jazz Age“
Fire/Cargo (VÖ: 28.11.)
Der lange Marsch hat jetzt leider doch ein Ende.
Die Stimme eines Toten kann verdammt lebendig klingen. Dafür wurde nämlich extra die Schallplatte erfunden. Chris Bailey, Gründer und Sänger der Saints (und dafür in der BesetzungsTimeline als Einziger mit einem von 1973 bis 2022 durchgehenden roten Streifen geehrt), konnte sich auf diesem letzten, dem 15. Saints-Album aufs Formvollendetste verewigen – er starb 2022, die Aufnahmen entstanden bereits vier Jahre früher, gemeinsam mit dem langjährigen Saints-Haudegen Pete Wilkinson am Schlagzeug und ein paar eifrigen jungen Leuten.
Die Stimme eines Toten kann verdammt lebendig klingen
Dass Bailey mittlerweile musikalisch anscheinend ins Gemütliche, ins Folkrockige, in die Dur-Welten von zwölfsaitigen Gitarren rutschte, könnte man ein wenig beliebig finden. Aber seine gebrochen kraftvolle Stimme haut vieles raus: Angesichts der geradezu prophetisch wirkenden Zeilen „Can you hear the call?/ Someone ist calling me“ auf dem melancholischen Song „Carnivore“ ist man sogar fast geneigt, den unpassenden Blechbläser zu überhören, der sich ins Studio geschlichen hat. Und würden sie noch mal jung und wütend sein und „Bruises“ doppelt so schnell spielen, wäre es ein echter Live-Knaller. „Too late I’ve seen the bruises in your mind“, sinniert Bailey, „the absent memory …“
Irgendwo hinter all den Melodien lauert deutlich Baileys Geburtsort, Irland, den er im Alter von sieben Jahren gen Australien verließ. Die Country-Rock-Songs der Rolling Stones wurden bestimmt ebenfalls oft gehört im Album-Entstehungsprozess beziehungsweise in den letzten 50 Jahren. „Long March Through The Jazz Age“ ist vielleicht kein Ausrufezeichen am Ende eines Lebens. Aber mithilfe ein paar hübscher kleiner Punkte lässt es sich schließlich ebenfalls sehr gut und versöhnlich vom Acker machen.
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 12/2025.