Freiwillige Filmkontrolle


The Smashing Pumpkins Siamese Dream & Gish (Deluxe Edition)


EMI 02. Dezember 2011


von

Wenn man heute an die traurige Roadshow denkt, die Billy Corgan mit einigen Musikern als Smashing Pumpkins veranstaltet, wird man sich die Anfänge kaum vorstellen können. „Gish“ (★★★★) erschien 1991 vor „Nevermind“  und überführte Hardrock und Psychedelia in eine Form, die bald „Alternative Rock“ genannt wurde. Corgan, Sohn eines Jazz-Musikers aus Chicago, bewunderte Black Sabbath und die Scorpions ebenso wie die Beatles und Hüsker Dü, und seine Songs hatten auch das Ausufernde und Schwärmerische von Jefferson Airplane und Kaleidoscope. Die späteren Elegien von „Mellon Collie And The Infinite Sadness“ wurden bei  „Rhinoceros“ so einstudiert, dass auch Anhänger von Guns N’Roses ihre Freude daran hatten. Ein Bündel von Demos erlaubt Eindrücke von Corgans work in progress; die DVD komplettiert mit einem Konzert die Dokumentation der ersten Phase der Smashing Pumpkins.

„Siamese Dream“ (1993) erschien in einer Zeit, in der Sugar und Dinosaur Jr. sogar die englische Musikpresse dominierten. Der „New Musical Express“ war Zeuge, wie Corgan seine Mitspieler D’Arcy (Bass) und James Iha (Gitarre) kujonierte und mit roten Augen die Nächte im Studio verbrachte. Corgan wusste, dass sein Moment gekommen war.

Die Propeller-Gitarren, der Mahlstrom von „Siamese Dream“ enthusiasmierte damals eine neue Generation von Rock-Kritikern, die in der Melancholie und Poesie Corgans das Signum jener Jahre erkannten. „Today“ wurde zum MTV-Hit, „The killer in me is the killer in you“ aus „Disarm“ war bald sprichwörtlich, „Cherub Rock“ blies alles weg. „Spaceboy“,  das Stück für den behinderten Bruder, ist einer der zärtlichsten Songs der Rockmusik. Dass dieses monumentale Album auch schieren Unfug enthält wie „Mayonaise“ und „Silverfuck“, bekümmerte damals niemanden.Billy Corgan, selbst ein Spaceboy, hatte die Lieder als eine Reflexion über die kitschigen Märchenfilme von Walt Disney geschrieben; sein „Siamese Dream“ ist die romantische Hoffnung auf eine symbiotische Liebe. In der wirklichen Welt wollte Corgan heiraten und ein Haus bauen (und einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen). Als der Traum ein paar Jahre später zerstob, veröffentlichte er „Adore“, seine letzte große Platte. Dann ließ er sich die Haare rasieren, trug ein silbernes Ganzkörperkondom und gab überall den Stinkstiefel.

Die DVD, die der Schmuck-Edition von „Siamese Dream“ beigefügt ist, erinnert an die magischen Konzerte vom Herbst 1993, als sich levitationsähnliche Dinge zwischen Himmel und Erde ereigneten, Köpfe zum schweren, grollenden Groove eines monströsen Rasenmähermotors wogten und die Zukunft wie Moschus schien. „Tell me all of your secrets …“

Diese vorbildlichen Deluxe-Editionen, keinen Moment zu früh, werden viele ältere Männer (und ein paar Frauen!) noch einmal zu glücklicheren Menschen machen.  


ÄHNLICHE KRITIKEN

The Smashing Pumpkins :: Cyr

Etwas zu zerebrale Synthie-Musik ohne Stringenz

The Smashing Pumpkins :: Shiny And So Bright…

Drei Viertel der Originalbesetzung: Corgan geht zurück zu den Wurzeln

Smashing Pumpkins :: Mellon Collie And The Infinite Sadness


ÄHNLICHE ARTIKEL

So lief das Tribute-Konzert für David Bowie

Die Erlöse der Veranstaltung gingen an die NGO „Save The Children“, die Bowie bereits im Jahr 1997 anlässlich seines 50. Geburtstagskonzert unterstützte.

Billy Corgan über Lil Peep: „Er war der Kurt Cobain seiner Generation“

„Lil Peep hat als Einziger von allen Künstlern, die ich letztens gehört habe, dieselbe ,Angst‘ beschrieben.“ Bereits in mehreren Interviews hatte der Frontmann der Smashing Pumpkins den Rapper mit großen Rockstars verglichen.

ROLLING STONE im Januar 2021 - Titelthema: Gipfeltreffen der Großen

Paul McCartney trifft Taylor Swift, Phoebe Bridgers Lars Ulrich und viele Begegnungen mehr auf 26 Seiten. Dazu der große Jahresrückblick und die 50 besten Alben des Jahres.


ROLLING STONE im Januar 2021 - Titelthema: Gipfeltreffen der Großen

Die Inhalte der Januar-Ausgabe Der große Jahresrückblick Natürlich war auch das Jahr in der ROLLING-STONE-Redaktion von der Corona-Pandemie geprägt –und wir fragen uns: Was haben wir daraus gelernt? Unter anderem: Dass soziale Medien die Wissenschaft nicht verstehen. Dass wir Musiker*innen konkret unterstützen müssen (und sei es durch den Kauf ihrer Musik). Dass es für das Echte keinen Ersatz gibt. Dass es zu Hause auch ganz schön ist. Warum Friedrich Merz ätzt, Sault eine Band des Jahres ist und EPs plötzlich Hochkonjunktur haben. Und einiges mehr ... Texte von Jens Balzer, Maik Brüggemeyer, Birgit Fuß, Joachim Hentschel, Juliane Liebert, Robert Rotifer,…
Weiterlesen
Zur Startseite