Tocotronic Schall & Wahn


Universal


von

Traumhaft, traumhaft. Jedes Mal glauben wir, Tocotronic könnten keine bessere Platte (als die letzte) mehr machen, und jedes Mal machen sie eine noch bessere. Unter Redakteuren von Musikzeitschriften gibt es einen müden Witz, der so geht, dass am Anfang eines neuen Jahres bereits „die Platte des Jahres“ ausgerufen wird. „Schall & Wahn“ ist diese Platte des Jahres. Wäre die des letzten Jahres gewesen.

Tocotronic waren immer eine der großen Gitarrenbands. Auf diesem Album aber schweben die Gitarren lyrisch wie bei Pink Floyd, flirren im Flageolett wie bei Sonic Youth, mäandern im Crazy Horse-Stil. „Eure Liebe tötet mich“ eröffnet die Platte, man hört pling-pling, und dann erobert etwas sehr Mächtiges, Erhabenes den Raum, eine Art „Shine On You Crazy Diamond“ für Oberschüler. Engelssanft hebt Dirk von Lowtzow an: „Eure Liebe tötet mich/ Auch wenn ihr bereut/ Ich verzeihe euch nicht.“ Nahm „Kapitulation“ den folgenden Börsen-Ernstfall vorweg, so ist „Schall & Wahn“ ein post-apokalyptisches Szenario: „Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn/ Im Zweifel gegen Zweisamkeit und Normativität/ Im Zweifel für die Bitterkeit und meine heißen Tränen“, singt Lowtzow zu akustischen Gitarren und lieblichen Streichern. Es gibt keine Ironie in den Songs von Toco-tronic, sondern einen Humor, der das Säurebad des Spotts schon durchlaufen hat. Daher klingt Lowtzows Lyrik, als wäre sie ein paar Jahrzehnte alt. Und wahrscheinlich variiert sie auch nur Goethe und Schopenhauer, Nabokov und Bernhard. Aber die Welt variiert ja auch nur Goethe und Schopenhauer, Nabokov und Bernhard.

Schon als junge Burschen waren Tocotronic die Äquivalente zu jenen zornigen Greisen, die mit Spazierstöcken drohen, Kinder erschrecken und auf gar keinen Fall ihren Platz räumen wollen. Nun sind die Musiker naturgemäß älter und weiser geworden und kleiden sich so, dass sie auch außerhalb von Hamburg ins Theater gehen könnten. Ausgerechnet bei diesen trockenen Schleichern aber gibt es noch jene elementare Wut wie beim ruppigen „Stürmt das Schloss“, die virile Wutdarsteller der Rockmusik stets nur behaupten, und es gibt auch sonderbar Morbides, Raunendes und Pathetisches, das (von fern nur!) an Rammstein gemahnt: „Die Folter endet nie/ Wir sind für sie geboren/ Zu dieser Schicksalssymphonie/ Werden hier alle in der Hölle schmo-ren/ Eine Flanke gegen den gesunden Menschenverstand/ Von heute an leben wir ewig.“ In „Gesang des Tyrannen“ heißt es: „In mir strahlt das ewige Licht/ Kalt, modern und teuer/ Dahinter gibt es nichts/ Außer mir.“ Über „Ich bin der Graf von Monte Schizo“ beömmeln wir uns dankbar.

Wie es sich gehört, endet dieses monumentale Album mit einem „A Day In The Life“, „God’s Song“, „Sad-Eyed Lady Of the Lowlands“, „Let There Be Love“. Hier schwillt der Schall noch einmal langsam und bedrohlich an: „Nimm mich mit nach Hause/ Zeig mir den Weg/ Dieses Gift kennt keine Pause/ Selbst dann nicht, wenn du schläfst.“ Und die Gitarre fräst süß und giftig – wie der Schlaf, wie der Tod -, und der Schall wird zur Kakofonie und dann durchschnitten von einer gewaltigen Kirchenorgel. Leute, zieht euch warm an! (Universal)


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