Tom Petty And The Heartbreakers Mojo


Warner


von

Niemand hatte von Tom Petty erwartet, dass er sanft in die Nacht gehen würde. Der Mann hat schlechte Laune – schon seit „Echo“ (1999), seiner erschütternden Trennungs-Platte, hadert er mit der Welt und den Zeitläuften. „You need rhino skin to walk through this world“, sang er damals, und das war natürlich ein ganz anderer Petty als der von „I Won’t Back Down“ oder „Southern Accents“. Man darf diesen Fatalismus allerdings nicht mit Larmoyanz verwechseln – schon „Free Fallin'“ und „Mary Jane’s Last Dance“ hatten diesen amerikanischen Nihilismus. Pettys Wahrnehmung verdunkelte sich mit den Jahren, den Kämpfen gegen Plattenfirmen, dem Abschied von Freunden, dem Wandel in der Musikindustrie. In dem wütenden Abgesang „The Last DJ“ (2002) echauffierte er sich direkter als andere über das Ende der Radiokultur und nahm es als Zeichen für den allgemeinen Niedergang.

Danach spielte er mit dem Gedanken, seine letzte Tournee zu unternehmen. Und machte doch weiter. Die epische Filmdokumentation „Runnin‘ Down A Dream“ rief in Erinnerung (oder macht überhaupt erst bewusst), dass Tom Petty der schlafende Riese unter den amerikanischen Rockmusikern ist, mehr noch: Nur Dylan und Springsteen haben gewaltigere Werke.

Vor Jahresfrist erschien die „Live Anthology“, eine Quintessenz. Je länger man aber diesen fünf CDs lauscht, desto weniger erkennt man, wer dieser Petty überhaupt ist: Er beherrscht die Americana, er spielt planen Rock’n’Roll, er hat einige Hits und viele bekannte Songs, er ist Anführer der Heartbreakers, nimmt zwischendurch ein (erstes) Album mit seiner früheren Truppe Mudcrutch auf, das nach 1974 klingt, er ist introvertiert und populistisch, ein Feuerkopf und ein Verweigerer.

Nun hört man auf „Mojo“ lupenreine Blues-Songs und gespenstisch verlangsamte Meditationen wie „First Flash Of Freedom“, die den alten Meistern entlehnt sind und Grateful Dead. Die flauschige Produktion von Jeff Lynne ist einem klassizistischen Sound ge-wichen, die Heartbreakers verbreiten sich mit der Routine von Musikern, die mit Johnny Cash und Neil Diamond gespielt haben. Petty stellt seine Stimme bei fast jedem Stück neu ein und singt souverän wie nie, er probiert alle Spielarten des Genres, meisterlich bei „Running Man’s Bible“ und „The Trip To Pirate’s Cove“, tief aus dem Sumpf bei „U.S. 41“ und „Takin‘ My Time“. Dann wirft er eine linde Ballade ein, „No Reason To Cry“.

Am Ende des langen Albums stehen drei seiner besten Songs überhaupt: „High In The Morning“, ein Boogie, das hoffnungsfrohe „Something Good Coming“ – und dann, in „Good Enough“, ruft Petty magische Bilder auf: „There’s somemething about her/ That only I can see/ You’re barefoot in the grass/ An you’re chewing sugarcane/ You’re kissing in the rain/ And if a day like this never comes again/ Well, that’s good enough.“ Benmont Tenchs Orgel weint, und Mike Campbells Gitarrenspiel schwingt sich zum rauschenden Finale auf. Und Petty, der coole Hund, schließt mit den unsterblichen Versen: „God bless this land, God bless this whiskey/ And if she marries into money/ She’s still gonna miss me.“ Wer so formuliert, der darf ein Leben lang schlechte Laune haben.


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