Tomte: Heureka (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Tomte Heureka


Grand Hotel van Cleef


von

Er kann gerade noch „Seltsam, seltsam, seltsam“ seufzen und sich räuspern, da reißt ihn schon diese fiese Klavierfigur fort. Und als dann nach und nach auch noch Schlagzeug, Bass und ein verzerrter Gitarrenriff loslegen, schmettert Thees Uhlmann euphorisiert: „Du bist nicht gestorben/ Heureka!/ Alles war so still/ Jetzt bist du da!“

Als Rock-Statement verpacken Tomte ihr neues Album, lassen es mit dem aufmüpfig polternden Titelsong beginnen und mit dem mörderisch durch die Straßen ziehenden „Ein Herz Sei Wild“ und einem toughen Feedback ausklingen. Gerade so, als ob sie zu jenen Bands zählten, deren Fans Aufnäher wie den, der das Cover der Platte ziert, auf ihren Jeansjacken tragen.

Das ist natürlich Quatsch und eine Mogelpackung. Auch wenn Torsten Otto und Tobias Kuhn „Heureka“ nicht ganz so geschmeidig produziert haben wie „Buchstaben Über Der Stadt“, die Tomte-Songs ein bisschen nüchterner, sperriger klingen lassen, hält doch wieder sanfte Sehnsucht das Album zusammen. Und erneut sucht Uhlmann stets sowohl nach Intimität als auch nach Weite und schwärmt vom Aufbruch: „Lass alles los, was an dir hängt und zieht“, fordert er in „Du bringst die Stories (ich bring den Wein)“.

Fort zieht es Tomte eigentlich in jedem Song. Ob sie im mit den frühen U2 losmarschierenden „Der letzte große Wal“ verkünden, dass die Straße den Träumern gehört, in „& ich wander“ (einem der schönsten Songs des Albums) von einem unermüdlichen Schlagzeug angetrieben von den Spitzen der Anden über die Frankfurter Stadtautobahn bis ins verschneite Krasnojask reisen oder in „Wie sieht’s aus, Hamburg“ die Daheimgebliebenen zum Durchhalten ermahnen.

Während sie in „Wie ein Planet“ noch im Dauerlauf auf einer langen Straße in die Fremde ziehen, geht ihnen beim steilen Anstieg für ihr schwülstiges Manifest „Voran voran“ dann doch etwas die Puste aus („Und die Leute lieben Scheitern/ Und ich scheitere so sehr“). Unterwegs verirren sich schon mal in Smiths-Paraphrasen („Küss mich wach, Gloria“, „Es ist so, dass du fehlst“) und gelangen schließlich zur Erkenntnis, dass, wer weg will, sich doch meistens nur im Kreis dreht („Das Orchester spielt einen Walzer“).

Dass Thees Uhlmann irgendwann sogar Rainer Maria Rilke zum Weggefährten macht, wundert nicht wirklich. Während dieser in „Herbsttag“ aber dichtet „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“, textet Uhlmann- von einer tiefgründigen Orgel begleitet- im opulenten Nachtstück „Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören“: „Wer jetzt glücklich ist, wird es lange sein.“ Und wer nach dem Song kein Tomte-Fan ist, wird es niemals werden. (Grand Hotel van Cleef)


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