TV On The Radio

Dear Science

4AD

Seit dem gewaltigen Kritikererfolg von „Return To Cookie Mountain“ gehören TV On The Radio zum illustren Kreis jener Bands, die man gefahrlos jederzeit und überall gut finden darf: die Radiohead-Liga. Dass eine Band in diesen Olymp aufgestiegen ist, erkennt man meist daran, dass David Bowie sie empfiehlt, hofiert oder gar zu einem von ihm kuratierten Konzert einlädt.

Auf dem letzten TV On The Radio-Album hat der dünne blasse Herzog sogar mitgesungen, bei „Province“. Wen wundert’s! Das Kern-Trio der Band passt hervorragend ins Bowie-Schema – hip und vielseitig talentiert: Sänger Tunde Adebimpe hat früher als Illustrator für „MTV’s Celebrity Deathmatch“ gearbeitet, Gitarrist David Sitek, nebenbei auch noch Maler und Fotograf, hat nicht nur die Yeah Yeah Yeahs produziert, sondern auch das Debüt von Scarlett Johansson. Kyp Malone verfügt immerhin über eine interessante Frisur.

Natürlich ist „Dear Science“ ein gutes drittes Album und „Halfway Home“ ein exzellenter Opener – wenn man Prog-Rock mag: Alles pulsiert und trommelt, ein Chor intoniert „babababaaa bababaa“, der Horizont hängt voller elektronischer Klangflächen und langgezogener Gitarrentöne. Das drängt mit archaischer Urgewalt nach vorne, während Kyp Malones Falsett-Gesang am Ende wie eine Kreuzung aus Peter Gabriel und Phil Collins klingt.

Doch eigentlich sind TV On The Radio ja eher die neuen King Crimson oder die neuen Talking Heads. Je nachdem. Sie zeigen gern, was sie haben, und sie haben ja auch viele Ideen, Klänge, Instrumente, Arrangements. Zum Beispiel bei der so sanft und nachdrücklich ins Ohr krabbelnden Ballade „Crying“: Das nervöse Schlagzeug, die quengelnde Gitarre, das 80er-Jahre-Keyboard und die funky Bläser – wenn man das noch nicht so ähnlich bei Beck gehört hat, dann bestimmt bei Prince. Trotzdem, ein schönes Stück.

„Dancing Choose“ beginnt mit einem grimmigen Analog-Synthesizer, zu dem eine altmodische Rhythmbox klöppelt, während Tunde Adebimpe aus voller Brust schreit: „He’s a what, he’s a what, he’s a newspaper man…He can’t understand that he’s not in command/ His decisions are written by the cash in his hand.“ Malone bleibt gelassen und antwortet mit dem sanften Refrain: „In my mind I’m counting butterflies.“ Alles wird gut, Jungs, ganz bestimmt.

„Stork & Owl“ ist die Sorte dunkle Electro-Ballade, wie man sie von Human Leagues Debüt „Reproduction“ kennt – frostige Melancholie, aber nicht ohne Reiz. Natürlich mischen TV On The Radio großzügig noch ein paar Dutzend Klangspuren extra dazu. Kenner empfehlen angesichts des dichten Dschungels aus Instrumenten und Sounds den Einsatz von Kopfhörern.

„Golden Age“ ist wieder Bastardpop – Bläser, Streicher, Trommeln, alles da. Doch wie es den Songs unter der schweren Opulenz der Arrangements geht, das interessiert anscheinend niemanden. Je länger „Dear Science“ läuft, umso mehr Lust bekommt man, mal einen Brief zu schreiben- an die liebe Wissenschaft oder gleich an TV On The Radio. Darin würde dann so etwas stehen wie: Bitte vertraut doch wenigstens ab und zu mal auf einfache Dinge.

Es soll ja tatsächlich Songwriter geben, die mit einem Piano oder einer Gitarre auskommen. Und trotzdem ergreifende Musik produzieren. Insofern ist „Dear Science“ ein guter Name- für ein technisch perfektes, aber leider wenig poetisches Album. (4AD/Beggars/Indigo)