Yes
„Tales From Topographic Oceans“
Rhino (VÖ: 6.2.)
Die Prog-Gigantomanie, jetzt auf unfassbaren 12 CDs.
Kaum ein Album steht für den Exzess der 70er-Jahre wie dieses. Auf „Tales From Topographic Oceans“ ließen Yes 1973 alle Bescheidenheit hinter sich. Schon das Konzept war größenwahnsinnig: ein Doppelalbum mit vier Songs, einem pro Seite, inspiriert von hinduistischer Spiritualität. Dabei hatte alles mit einer winzigen Fußnote begonnen, auf die Sänger Jon Anderson in dem Buch „Autobiographie eines Yogi“ von Paramahansa Yogananda gestoßen war. Aus diesen paar Zeilen erwuchsen die vier fragmentierten Epen, komponiert von Anderson und Gitarrist Steve Howe. Die beiden
stöpselten Moog-Melodien, filigranen Folk und Drum-Soli zusammen, walzten musikalische Themen zu überlangen Passagen aus, über die Anderson mit glockenhellem Tenor Esoterisches trällerte. Zuvor hatten Yes Prog gespielt, anspruchsvoll, aber im agilen Rock verwurzelt. „Tales …“ hingegen erstarrte in symphonischer Schwere.
Jetzt erscheint das umstrittene Album als erweiterte Edition, die mit 12 CDs, 2 LPs und einer Bluray den einstigen Größenwahn fortführt. Natürlich finden sich da zahllose Demos, alternative Versionen, verrauschte Live-Mitschnitte und schnappschusshafte Single-Edits. Nur die neuen Abmischungen von Steven Wilson, dem Nachlassverwalter des Prog, offenbaren Essenzielles. Behutsam kratzt er die Patina von den Originalen. „The Revealing Science Of God“ etwa stattet er mit einem sphärischen Intro aus, im wuseligen „The Remembering“ hebt er die Kontermelodien von Organist Rick Wakeman hervor. Und in „The Ancient“ und „Ritual“ lässt er die Drums von Alan White und den Bass von Chris Squire zu gigantischem Donnern anschwellen. So überlebensgroß wie hier klang „Tales From Topographic Oceans“ noch nie.
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 2/2026.