Rewind Today 1988: Guns N‘ Roses gehen mit ‚Sweet Child O‘ Mine‘ auf die Nummer 1


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Erstaunlich, dass dieser Song, der auffälligste des ganzen Albums, erst so spät entdeckt  – und dann doch noch zu ihrem größten Hit wurde: Die Platte „Appetite For Destruction“ von Guns N‘ Roses war schon mehr als ein Jahr alt, zwei Singles bereits ausgekoppelt. Dann erst erklomm die Hardrock-Ballade „Sweet Child O‘ Mine“ den ersten Platz der US-Billboard-Charts.

Vor allem Gitarrist Slash hat sich in dem Lied verewigt. Er komponierte eines der bekanntesten Gitarren-Intros überhaupt; nicht minder populär ist das Solo in der Songmitte, mit dem die Band die Stimmung unerwartet vom Schwärmerischen ins Bedrohliche kippen lässt.

ROLLING STONE wählte „Sweet Child O‘ Mine“ zu einem der 100 besten Gitarren-Songs aller Zeiten (siehe Galerie). Den Erfolg in den Singles-Charts konnten Guns N‘ Roses nicht wiederholen, die Vorabsingle des nächsten Paukenschlags, „You Could Be Mine“ aus den „Use Your Illusion“-Doppelalben 1991, schaffte es in den USA nur auf die drei. Trotz prominenter Hilfe im Videoclip durch Arnold Schwarzenegger, der darin in seiner Rolle als Terminator abwägt, ob er die ganze Band einfach pulverisieren soll.

Für die Ausgabe 1/2000 rezensierte Birgit Fuß das Album „Live Era ’87-’93“, auf dem „Sweet Child O‘ Mine“ enthalten ist:

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Es gibt tatsächlich Momente, die man nie vergisst. Das Zittern vor der ersten Verabredung mit dem Geliebten. Das Zusammenzucken, wenn das Telefon tatsächlich klingelt, nachdem man stundenlang gewartet hat. Die Minuten im Stadion, bevor Guns N“ Roses ihr Konzert begannen. Falls sie es begannen.

Diese Mischung aus Aufregung, Misstrauen und Faszination gab es, irgendwo in Deutschland, im Jahre 1992. Das ist lange her und scheint heute fast unwirklich. Aber damals war es so: Fünf Jahre zuvor hatten Guns N‘ Roses, wie Brian May so schön sagte, „dem langweilig gewordenen Hardrock gehörig in den Arsch getreten“. Man kann Axl Rose einiges und noch viel mehr vorwerfen, aber nicht, dass er berechenbar war. Guns N‘ Roses waren immer eine Zeitbombe. Man wusste nie, ob Axl überhaupt Lust hat aufzutreten. Ob der Gig länger ab 20 Minuten dauert. Ob noch dieselben Leute in der Band spielen. Oder ob man vielleicht das Glück hat, drei Stunden lang in einem der schlimmsten Gewitter der Dekade zu stehen und eines der besten Rockkonzerte des Jahrhunderts zu sehen. Würzburg 1992 – damals waren Guns N‘ Roses besser denn je, und danach war gar nichts mehr. Nur noch Zirkus, Rein-raus-Spiel und andere alberne Aktionen.

Sieben Jahre später liegt plötzlich das Doppelalbum „Live Era ’87 -’93“ auf dem Tisch. Das Booklet ist voll bunter Bilder mit toupierten Haaren, Comic-Tattoos und viel zu engen Hosen. Informationen gibt es nicht, nur: „recorded across the universe“. Ein bisschen wenig, zumal man bei den 22 Songs doch große Qualitätsunterschiede in Sound und Performance ausmachen kann. Und dann fragt man sich zwangsläufig: Wer hat das so zusammengestellt – und warum? Doch die Wege des Axl Rose sind unergründlich, das waren sie immer, und Erklärungen erwartet inzwischen niemand mehr ernsthaft Lieber freut man sich darüber, dass „Paradise City“ immer noch knallt und „Patience“ gar nicht abgestanden klingt. Ganz zu schweigen von „Sweet Child O‘ Mine“.

Eine „Greatest Hits“-CD mit denselben Songs wäre wohl trotzdem die bessere Alternative gewesen, denn wirkliche Live-Atmosphäre kann solch ein zusammen gepuzzeltes Album nicht vermitteln, und auf die meisten Soli und Piano-Einlagen kann man sowieso verzichten. Acht Jahre später merkt man eben doch, dass „November Rain“ mindestens vier Minuten zu lang und ,,Pretty Tied Up“ gar nicht lustig war. Aber der Sinn des Unternehmens ist klar. Ein neues GN’R-Werk soll – so Gott und Axl wollen – im Frühjahr 2000 erscheinen, und vorher will man an die glorreiche Vergangenheit erinnern. Aber wer dabei war, wird die nicht vergessen haben.

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