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Rio gegen den Rest der Welt

Als Ton Steine Scherben die Bühne des von Beate Uhse gesponserten „Festivals der Liebe“ betraten, kursierten im Publikum bereits Gerüchte, daß viele der angekündigten Bands nicht auftreten würden. Die Stimmung war hochexplosiv, und es bedurfte nurmehr eines Funkens, um alles in Brand zu setzen.

Der Sänger der Kreuzberger Polit-Rock-Band, die hier auf Fehmarn zum ersten Mal überhaupt auftrat, nutzte die Gunst der Stunde und wiegelte die Fans auf: „Hauen wir die Veranstalter ungespitzt in den Boden!“ Dann jagte ihr Gitarrist Lanrue ein Riff durch den Verstärker, und Rio Reiser sang dazu: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ So mancher um sein Eintrittsgeld betrogene Fan ließ sich das nicht zweimal sagen. Kurz nach dem Auftritt der Scherben ging die Bühne in Flammen auf.

Heute, 25 Jahre nach diesem spektakulären Live-Debüt, wären Ton Steine Scherben längst zur Legende erstarrt – wenn da nicht Rio Reiser wäre. Alle Jahre wieder veröffentlicht er ein Solo-Album oder ein Buch, komponiert für Musicals oder Theater-Aufführungen die Musik, und ab und an spielt er in einem Film mit. Mehr ab sieben Millionen Zuschauer sahen Anfang April die sentimentale „Tatort“-Folge „Im Herzen der Eiszeit“, für die Reiser die Titelmelodie „Träume“ geschrieben hat. Rio spielt in dem hanebüchen konstruierten Krimi einen freundlichen Anarcho, der nach elf Jahren

Knast in eine Welt entlassen wind, die nicht mehr die seine ist Aus Genossen und Hausbesetzern sind während seiner Gefangenschaft knallhart agierende Geschäftsleute geworden. Ein Selbstporträt des Künstlers als resignierter Mann.

Auch im richtigen Leben erfrieren die Träume. So boykottiert Viva TV den Video-Clip „König von Deutschland“, immerhin sein bislang größter Hit, weil die PDS mit einer von Kindern gesungenen Version des Songs im Europa-Wahlkampf für sich geworben hat. Seine Lieder, Moritaten, Theater-Musiken, Rock- und Love-Songs werden noch seltener im West-Radio gespielt, seit er aus Sympathie für Gregor Gysi der PDS beigetreten ist Und von stets eitel glucksenden Möchtegern-Komikern wie dem Gottschalk-Ersatz Thomas Koschwitz muß sich König Rio bisweilen auch noch dumme Fragen stellen lassen: Wie heißt denn dein Buch? „Diese Verkaufe“ ging ihm „fürchterlich auf den Keks“. Rio schwieg und ließ „Koschiman“ puterrot anlaufen.

Als Reiser dann auch noch entsetzt sehen mußte, wie Thomas Gottschalk mit dem würdigen Greis Yehudi Menuhin umsprang, beschloß er, an dem Late-Night-Zirkus nicht mehr teilzunehmen: „Da kommt dieser alte Mann, der weltbeste Geiger neben Igor Oistrach, und da fällt dem Gottschalk nichts Besseres ein, als ihm zu sagen, er solle doch mal einen Kopfstand machen, weil er doch Yoga mache. Ich meine, muß er den Koofmich machen, muß Yehudi Menuhin sich bei Thomas Gottschalk verkaufen? Was sind denn das für Clowns? Da spiele ich nicht mehr mit Die können mich mal am Arsch lecken!“

Gleich drei Jubiläen gibt es in diesem Jahr zu feiern: Die Legende Ton Steine Scherben wird am 3. September, dem Jahrestag des verklärten „deutschen Woodstock“ auf Fehmarn, 25 Jahre alt Vor zehn Jahren gaben Ton Steine Scherben ihr letztes Konzert – aus diesem Anlaß erscheint demnächst ein Album mit bislang unveröffentlichten Live-Aufhahmen. Und seit 20 Jahren existiert der Fluchtpunkt Fresenhagen, ein Bauernhof kurz vor der dänischen Grenze, auf den sich die Kreuzberger Musikerkommune zurückzog, als die Studenten-Bewegung sich in kommunistischen Kaderparteien verlor – und wo auch Rio noch immer lebt, wenn er nicht gerade in Berlin weilt. Scherben-Titel zierten dort Häuserwände, wurden auf Demonstrationen skandiert und später von so unterschiedlichen Künstlern wie Die Braut haut ins Auge, Slime, Pyrolator oder Marianne Rosenberg gecovert Erfrorene Träume eines notorischen Verweigerers – Rio gegen den Rest der Welt „Himmel & Hölle“ heißt Reisers neues und bislang bestes Solo-Album. Statt Songs von Bob Dylan nachzuspielen oder kümmerliche Hits von Techno-DJs aufmöbeln zu lassen, ließ Rio Reiser sich unvermutet von Spielmannsliedern und Tanzmusik aus der Renaissance inspirieren. Niemand in Deutschland schreibt so wahre, aufrichtig-radikale und nachzuempfindende Texte wie dieser melancholische Spielmann des auslaufenden 20. Jahrhunderts.


Zum Tod von Meisterregisseur Nicolas Roeg: Im Sog der Leidenschaften

Nicolas Roeg war immer ein Außenseiter des Kinos geblieben. Fast könnte man sagen, dass er diesen Platz ganz bewusst verteidigt hatte vor den (allerdings spärlichen) Versuchen, ihn zum Klassiker des experimentellen Kinos zu erheben. In fast allen seinen Filmen porträtierte er ganz buchstäblich Außerirdische, Verstoßene, dem Höllensumpf der Gesellschaft entflohene Sonderlinge, die dem Ruf der Wildnis auf Gedeih und Verderb verfallen sind und zwanghaft nach ihrer Identität suchen. Natürlich kennt die ganze Welt „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973), der im englischen Original so wundervoll wie weltabgewandt „Don’t Look Now“ heißt. Eine inzwischen kultisch verehrte und gespenstische Meditation über den…
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