Rock’n’Roll bis zum Kollaps – Alexander Scheer spielt Blixa Bargeld

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Rock’n’Roll bis zum Kollaps – Alexander Scheer spielt Blixa Bargeld

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Zwei Männer stehen in einem Kino in Berlin an einem Pissoir. Der ältere checkt mit einer Hand Mails auf dem Mobiltelefon. Der jüngere spricht ihn an: „Herr Wenders, wie viele Dinge können Sie gleichzeitig tun?“ – „Im Moment sind’s nur zwei“, murmelt der Regisseur geistesabwesend. „Ich hätte da noch was Drittes.“ – „Das kriegen wir hin.“

So erzählt Alexander Scheer die Begegnung. Der Schauspieler  wollte Wenders eine Fotografie abkaufen. Sie zeigt die letzten Überbleibsel des Palasts der Republik, dahinter den Berliner Dom, darüber den Himmel über Berlin. „Wahrscheinlich kann ich’s eh nicht bezahlen, aber ich kann ihm anbieten, einen Tag umsonst für ihn zu arbeiten“, sagt Scheer und lacht. „Man muss sich an die Leute dranhängen, die brennen. Und Wenders ist, was den deutschen Film betrifft, immer noch einer von ihnen.“

An Leute dranhängen, die brennen, die begeistert sind und begeistern, die intensiv leben und mindestens genauso intensiv arbeiten, das hat der 38-Jährige tatsächlich immer getan. Regelmäßig arbeitet er an der Berliner Volksbühne mit dem freien Radikalen Frank Castorf, hat in der Filmbiografie „Carlos – Der Schakal“ von Olivier Assayas die rechte Hand des venezolanischen Terroristenkönigs Ilich Ramírez „Carlos“ Sánchez, Johannes Weinrich, gespielt und gab ziemlich überzeugend den Keith Richards im Uschi-Obermaier-Bio-Pic „Das wilde Leben“ – der Porträtierte schickte ihm sogar einen Brief, und Blues-Gitarre könne er nun auch ganz passabel spielen, sagt Scheer, was er bei seiner Band, Der Internationale Wettbewerb, immer wieder mal unter Beweist stellt.

Nun spielt Scheer in Oskar Roehlers autobiografisch geprägter Farce über den Westberliner Untergrund der 80er-Jahre, „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“, den Neubauten-Sänger Blixa Bargeld. Eine Nebenrolle nur, aber Scheers Blixa ist die einzige Figur, die hier in all ihrer Sonderbarkeit und all ihren Manierismen wahrhaftig erscheint und tatsächlich „brennt“. Zwei Monate habe er sich auf die drei Drehtage vorbereitet, sagt der Schauspieler – „das ist ungefähr so effizient wie  DDR-Wirtschaft.“ Er habe Bücher gelesen, Bargeld in einem italienischen Restaurant getroffen, das persönliche Archiv des Sängers durchwühlt und sei durch Zufall bei seinen Streifzügen durchs Berliner Nachtleben immer wieder Gestalten aus der Neubauten-Vergangenheit über den Weg gelaufen: Rudi Moser, Maria Zas-trow – sogar Nick Cave, dem er ein Autogramm für „Tod den Hippies!!“-Hauptdarsteller Tom Schilling abluchsen wollte und sich dafür als baldiger Blixa-Darsteller outete. Cave habe ihn prüfend angeschaut und gesagt: „Yeah, I can see that.“

„Was ich unter anderem an der Filmarbeit so schätze, ist die Recherche“, sagt Scheer. „Weil ich mich dann sehr intensiv mit Sachen beschäftigen kann, die ich vorher nicht auf der Karte hatte.“ Irgendwann wusste er mehr über die Band als sein Regisseur, was auch zu einigen Konflikten führte. „Roehler ist ein Perfektionist, da sind wir uns ganz ähnlich. Für den Film haben wir wunderbar miteinander gerungen.“ Bargeld ermutigte ihn, einen Neubauten-Song, „Sehnsucht“, live vor der Kamera zu singen: „Nur das Unmögliche ist machbar. Aber den Schrei musste üben!“

Blixa war ein Speed-Monster. Dünn wie ’ne Speiche, riesige Augen

Eine historische Person zu spielen  sei ein großes Glück, sagt Scheer, denn erstens müsse man keine Figur entwickeln, die sei ja schon da, und zweitens könne man Typen wie Bargeld oder Richards nicht erfinden. „Jeder würde sagen: Die sind total unrealistisch. (lacht) Schau dir Blixa an. Wie hat Nick Cave gesagt: ,Der fertigste Typ auf dem Planeten.‘ Ein Speed-Monster. Dünn wie ’ne Speiche, riesige Augen und eine Haut, die sich auf seinem Schädel spannt – und dann diese abgerissene Frisur!“ Scheer ließ sich für den Film eine aus Fahrradschläuchen zusammengetackerte Weste anfertigen, wie Bargeld sie getragen hatte, trug dazu Lederhose, Gummistiefel und Priesterbeffchen. Als er nach drei Drehtagen in dieser Montur endlich „Sehnsucht“ singen durfte, kollabierte er auf offener Szene. „Ich habe mich kaputtgeschwitzt in diesen Gummi-Klamotten“, sagt Scheer. „Jetzt weiß ich, warum Blixa so dünn war damals, das war nicht das Speed. (lacht) Sei mein süßer Kollaps, habe ich nur gedacht.“

Seine Recherchen für den Film hätten ihm nicht nur die Neubauten, sondern auch seine eigene Stadt nähergebracht, so Scheer. Aufgewachsen in Ost-Berlin, habe er keinen Schimmer gehabt, was im Westen der Stadt in den Achtzigern so vor sich ging. Seine Zeit begann nach dem Mauerfall. Auf West-Flohmärkten kaufte er Beatles- und Stones-Platten. „Und dann kam elektronische Musik in die Hauptstadt. Die Neunziger waren beides: Techno und die Beatles, wir waren nicht nur alt genug, Dinge zum ersten Mal zu erleben, es gab sie überhaupt zum ersten Mal. Das war so eine tolle Stadt, so eine tolle Zeit. So bin ich aufgewachsen. I was born in a crossfire hurricane! Ost, West, Schule – alles egal!“

Dann sei er Schauspieler geworden und habe das Feiern erheblich einschränken müssen, sagt er. Seine große Liebe, das Kino, ging vor. „Seltsamerweise hat mich später das Theater oft mehr interessiert, weil es da einfach bessere Texte gab und ich das Live-Spielen genieße. Hätte ich vorher auch nicht gedacht. Aber (flüstert:) eigentlich kannst du alles in die Tonne treten – egal ob Film oder Shakespeare, das ist alles nichts dagegen, mit deinen Freunden Rock’n’Roll zu spielen, live on stage. Die Gage gibt’s in cash, die Drinks sind for free, und die Girls tanzen. Was braucht man mehr?!“ 

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