Roland Emmerich: „Ich verlasse mich auf KI“
Roland Emmerich über KI, sein Migrations-Epos „Exodus“, queeres Leben in Hollywood unter Trump – und ein zweites Leben für „Anonymous“
Anlässlich der Verleihung der Gläsernen Leinwand bei der CineHamburg – Roland Emmerich erhält den Preis am 7. Juli 2026 im CinemaxX Hamburg Dammtor, erstmals gemeinsam vergeben von HDF KINO e.V. und AllScreens – traf ROLLING STONE den Sindelfinger Weltverbesserer zum Gespräch.
Emmerich, Jahrgang 1955, hat an der Hochschule für Fernsehen und Film in München studiert und sich mit einem selbst finanzierten Abschlussfilm nach Hollywood empfohlen. Was danach kam, gehört zu den unwahrscheinlichsten Karrieren des Weltkinos. Kein anderer deutschsprachiger Regisseur hat das globale Blockbuster-Kino derart mitgeprägt. Nicht mit Franchises oder Sequelmaschinen, sondern mit immer neu erdachten Katastrophen-Szenarien, die sich regelmäßig als prophetischer erwiesen, als es uns lieb war.
„Independence Day“ (1996) erfand das moderne Invasionskino neu, „The Day After Tomorrow (2004)“ brachte den Klimawandel ins Multiplexkino, Jahre bevor der Begriff Mainstream wurde. Mit „2012“ (2012) und „Moonfall“ (2022) lieferte Emmerich Apokalypse-Spektakel, die mit Verschwörungstheorien spielten. „Anonymous“ (2011) überraschte als Shakespeare-Historiendrama und bekam von Roger Ebert nahezu die Höchstnote. Emmerich ist ein Filmemacher, dem man nie sagen konnte, was er als Nächstes tun soll.
Herr Emmerich, Ihre berühmteste Filmszene stammt aus „Independence Day“: Die Aliens pulverisieren das Weiße Haus. Aber noch beeindruckender ist doch, dass Sie die First Lady sterben lassen. Wie haben Sie das denn durchbekommen?
Wir hatten das Drehbuch als fertiges Produkt im Rahmen eines Bieterkriegs auf den Markt geworfen. Das Skript war begehrt, die mussten das so akzeptieren, wie es kommt. Meinem Skript-Partner Dean Devlin und mir war klar, dass eine Hauptfigur sterben muss. Der Tod der First Lady war auch deshalb so emotional, weil der Präsident dies der gemeinsamen kleinen Tochter erklären muss.
Nicht erst „The Day After Tomorrow“ oder „2012“, auch ihr Debütfilm „Das Arche Noah Prinzip“ von 1984 nehmen die Klimakatastrophe vorweg. Warum gibt es gerade heute keine Filme mehr darüber?
Weil es sehr schwer ist, eine Geschichte in dieser Art und Weise zu machen. Ich habe ein neues Skript mit einem super Schreiber: Anthony McCarten. Er hat „The Darkest Hour“ geschrieben, „Bohemian Rhapsody“ und „The Two Popes“. Er ist wirklich großartig. Er wurde ein Freund und sagte, wir schreiben mal ein Skript zusammen, das etwas bedeutet. Und dann haben wir gesagt, das muss irgendwie eine Geschichte sein, wo es um … Menschen geht, die Afrika verlassen müssen und keiner will sie haben. Es wird ein Migrations-Epos, ich nenne es „Exodus“.
Sie wollen Blockbuster drehen, aber interessieren sich nicht für Franchise-Stoffe. Sie drehen Ihre eigenen IPs. Kein Interesse an „Star Wars“ oder „Marvel“?
Nee, überhaupt nicht. Ich bin jetzt 70 Jahre alt. Ich möchte nur noch Filme für mich machen. Neue Stoffe, Und das sind keine IPs. Ich habe eine ganze Liste von Drehbüchern rumliegen, und die werde ich jetzt alle machen, weil ich mich voll auf KI verlasse.
Inwiefern?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Es gibt KI, mit der man das Aussehen von Schauspielern verändert. Und es gibt KI, bei der man den Schauspieler nicht erkennt – und einfach nur dessen Spiel benutzt. Und da mache ich jetzt einen Test, ob ich das hinkriege.
Gibt es irgendeine moderne Technik, die Sie künstlerisch gar nicht interessiert, die Sie ablehnen?
Eigentlich nicht. KI kann eine Hilfe sein, die Produktionskosten senkt. Manche Schauspieler verstehen das nicht. Zum Beispiel, wenn man den Hintergrund völlig verändern kann.
Das erinnert ein bisschen an „Independence Day: Resurgence“, worin die Menschen ja auch mit Alien-Technik experimentieren und in den Alltag integrieren.
Ja, genau!
Sie sind eine Ikone der LGBTQ-Bewegung, einer der prominentesten Regisseure in Hollywood mit einem Coming-out. Sprechen Sie mit bestimmten Kollegen darüber, wie ein Coming-out verlaufen könnte oder wie man die Verhältnisse noch verbessert?
Ja, aber das ist gerade schwierig, weil Trump sich überhaupt nicht dafür interessiert. Da ist so viel Angst entstanden. Es ist hart, es ist total schwierig, sich dieser Tage frei zu unterhalten.
Sogar in Hollywood?
Ja.
Aber Sie haben keine Probleme mit der Finanzierung von Projekten?
Ich habe auch meine Probleme – aber weil meine Kosten so hoch sind! Ich habe ein Projekt, das heißt „Maya Lord“. Die wahre Geschichte des Seemanns Gonzalo Guerrero, der um 1511 Gefangener eines Maya-Stammes wird. Wenn man das traditionell macht: 150 Millionen. Aber die werde ich nicht bekommen. Von daher bietet sich für mich auch hier die Möglichkeit, KI zu benutzen.
„Moonfall“ von 2022 dreht sich um Verschwörungserzähler. Und Schwerkraft. Aktuell gibt es die NASA-Verschwörungstheorie, nach der am 12. August auf der Erde für sieben Sekunden die Schwerkraft aussetzen wird – Millionen Todesopfer wären die Konsequenz.
Gravität, die uns aufsteigen oder wieder fallen lässt, ja. Ich habe in meinen Filmen immer wieder versucht, Verschwörungserzähler einzubauen, weil sie unterhaltsam sind, aber auch gefährlich. Ich gehe oft in Bücherladen und schaue mich um, weil ich will wissen, was Leute interessiert.
Man nannte sie zu Beginn Ihrer Karriere den „Spielberg aus Sindelfingen“ — die Deutschen taten sich allerdings auch schwer mit Lob. Sind Preise wie die Gläserne Leinwand eine Genugtuung für Sie?
Der Spielberg aus Sindelfingen … Das hat alles nachgelassen. Ich bin heute der Great Director, und ich mache mir da keine Sorgen.
Roger Ebert, der bekannte Filmkritiker, leider verstorben, hatte Ihrem Film „Anonymous“ 3,5 von 4 Sternen gegeben. Manche Rezensenten in den USA loben Sie sehr.
Ja, und es ärgert mich auch, dass der Film nicht wirklich in den Streamern auftaucht. Ich muss in den nächsten Tagen mal Tom Rothman anrufen, den CEO von Sony Pictures — das ist hier ein Sony-Film — und ihn fragen: Warum ist das so? Sollen wir nicht den Film nochmal neu auflegen? Es gibt eine längere Fassung, die auch sehr gut ist. Director’s Cut. Der Cutter des Films ist verstorben, auch der Mann, der den Ton gemacht hat. Das ist vielleicht auch ein Anlass, wo man sagen muss: Okay, let’s make a small release.
Welche Rolle spielt Deutschland für Sie heute noch? Haben Sie jemals erwogen, zurückzukehren und hier wieder einen Film zu drehen?
Ich habe ja „Anonymous“ hier gedreht, im Filmstudio Babelsberg. Das war 2011. Ich habe damals wirklich damit gerechnet, dass ich, wenn ich in den Ruhestand gehe, zurück nach Deutschland komme. Aber Deutschland muss noch ein wenig warten.