ROLLING STONE hat gewählt: Die besten Alben des Jahres 2022

ROLLING STONE präsentiert die besten Alben des Jahres 2022

10. Kevin Morby: „This is a Photograph“

Kevin Morby ist ein großer amerikanischer Nostalgiker und Eklektiker. Wie seine genialischen Vorgänger Ryan Adams und Conor Oberst veröffentlicht er seine Platten in zu schneller Folge, dazwischen Live-Alben. Aber sogar in der beeindruckenden Sammlung von sieben Studioalben seit 2013 ragt „This Is A Photograph“ heraus: In unverschämt eingängigen, atmosphärischen Songs bewegt Morby sich leichtfüßig zwischen Folk, Country Music und Southern Soul, Bläser, Streicher und Background-Chöre sind wunderbar arrangiert. Der Multiinstrumentalist Sam Cohen hat das Album in New York aufgenommen – eine Meisterleistung der Transparenz. Mit Erin Rae singt Morby „Bittersweet, TN“ – aber er und Cohen sind das Traumpaar. aw

Bester Song: „A Random Act of Kindness“

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

09. Husten: „Aus allen Nähten“

Wer hätte gedacht, dass es im dritten Corona-Jahr so erfreulich sein kann, Husten zu hören? Die gleichnamige Berliner Band besteht aus Gisbert zu Knyphausen, Bassist und Produzent Moses Schneider (Tocotronic, Fehlfarben) und Gitarrist Tobias Friedrich, der 2022 auch seinen Debütroman, „Der Flussregenpfeifer“, veröffentlicht hat. Auf „Aus allen Nähten“ werden das Dringliche und das Unabwendbare beleuchtet – mit Nebelscheinwerfern, Grubenlampen und Wunderkerzen. Die zehn Songs halten sogar noch mehr, als die seit 2017 veröffentlichten vier Husten-EPs versprochen hatten: Indie-Rock mit Panorama-Melodiebögen und gravurwürdigen Texten. Und ein herrliches Duett mit Sophie Hunger im Sixties-Motown-Gewand gibt’s noch on top. ism

Bester Song: „Manchmal träume ich von Träumen“

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

08. Rosalía: „Motomami“

Rosalía hat ihre Karriere als Flamenco-Sängerin begonnen. Ihr Debütalbum, „Los Ángeles“ (2017), war noch ganz klassisch geprägt, auf dem Zweitling, „El mal querer“ modernisierte sie das Genre mit elektronischen Mitteln. Auf „Motomami“ nimmt sie den Flamenco nun zum Ausgangspunkt für eine Erkundung der Musik der spanischsprachigen Diaspora im 20. Jahrhundert, von Tango und Fandango bis zum neuesten Latin Pop. Sie singt Reggaeton-Stücke mit Auto-Tune-manipulierter Stimme, sie barmt mit ihrem klaren, schönen Sopran zu knallenden Industrial-Beats, sie spielt mit den Stilen und fügt sie ineinander, und sie nutzt die nur scheinbar alle Unterschiede nivellierenden Mittel der elektronischen Tanzmusik, um den Eigensinn dieser Traditionen zu konturieren. jb

Bester Song: „La Fama“

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

07. Kendrick Lamar: „Mr. Morales and the Big Steppers“

Im Gegensatz zu einigen HipHop-Superstar-Kollegahs ist Kendrick Lamar weder irre noch rechtsradikal geworden. Auf seinem fünften Album macht er gar einen Schritt aus dem Rampenlicht, bleibt dabei ambitioniert und auch ein wenig schräg. Als begnadeter Stylist ist er der erste und einzige Rapper, der für sein Storytelling (auf „Damn“, 2017) einen Pulitzerpreis gewonnen hat. Er ist eine moralische Autorität in der HipHop-Szene und weiß, dass es zwischen Funk- und Soul-Verweisen auch kesseln muss. Sein Streben nach epischem Wumms zeigt sich schon in der Pflicht zum Doppelalbum. Fünf Jahre hat er sich Zeit gelassen, auch für eine intensive Selbstbespiegelung, die atemberaubende musikalische und lyrische Formen findet und so innovativ ist wie wenig anderes. rn

Bester Song: „Die Hard“

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

06. Big Thief: „Dragon New Warm Mountain I Believe You“

Der Star des fünften Big-Thief-Albums ist nicht etwa die meisterhafte Songwriterin Adrianne Lenker oder der geschmackvolle Gitarrist Buck Meek, obwohl beide hier große Momente haben, sondern Schlagzeuger James Krivchenia. Er hat die Band herausgefordert, sich außerhalb ihrer so stilvoll eingerichteten Americana-Nische zu bewegen. Er produzierte „Dragon …“ und gab das Konzept vor: Die Band nahm in vier Studios auf – in Upstate New York, im kalifornischen Topanga Canyon, in der Sonora-Wüste in Arizona und in den Bergen von Colorado – und ließ sich von jedem Ort zu einem bestimmten Sound inspirieren. So ist ein Doppelalbum entstanden, auf dem die Band all ihre lieb gewonnenen Qualitäten vereint und immer wieder überrascht. mb

Bester Song: „Time Escaping“

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

05. Wilco: „Cruel Country“

Es ist nicht entscheidend, dass Wilco ein Album (vermutlich mehr oder minder) live in einem Raum aufgenommen haben – die Band hätte ungefähr jedes ihrer Alben so produzieren können. „Cruel Country“ ist viel mehr davon geprägt, dass die Arrangements ohne lange Planung, sondern spontan entstanden. Und weil Jeff Tweedy gebrochene Americana-Songs schreibt, klingt seine Band, wenn sie nicht allzu viel nachdenkt, wie eine Americana-Band. Aber was für eine! Wie wundervoll intuitiv die Musiker einen warmen, mit hundert Aromen und Erinnerungen angefüllten Klang entstehen lassen! Diese Songs hätten natürlich auch ein Tweedy-Soloalbum werden können, dort aber wohl zerschossener geklungen. Sein aktuelles Ethos – einfach schreiben, nicht zu viel zensieren – erklärt, warum auf „Cruel Country“ nicht zehn oder zwölf Lieder sind, sondern einundzwanzig.

Amerika ist ein Thema. Aus Tweedys privaten, oft verschlüsselten Texten schälen sich Assoziationen zum Zustand der USA heraus, des geliebten und schrecklichen Landes, dessen zwei Lager sich nicht einig werden können. Den wegen seiner Klarheit oft zitierten Schlüsselsatz singt Tweedy im sanft schunkelnden „Hints“: „There is no middle when the other side will rather kill than compromise.“ js

Bester Song: „Tired of taking it out on you“

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

04. Wet Leg: „Wet Leg“

„Mommy, Daddy, look at me/ I went to school and I got a degree/ All my friends call it the big D/ I went to school and I got the big D!“ So beginnt der Song, auf den sich schon seit anderthalb Jahren alle einigen können. Dieses frech-minimalistische Post-Punk-Meisterwerk taucht auf Elton Johns Playlist auf, David Grohl schwärmt davon, und natürlich ist „Chaise -Longue“ ein heißer Grammy-Kandidat – genauso wie das Album, auf dem das Lied zu finden ist. Rhian Teasdale und Hester Chambers sind als die Indie-Pop–Sensation der Saison der großartigste Exportschlager von der Isle of Wight seit Jeremy Irons. So tollkühn-unverkrampft, catchy und noisy hat einen ein Indie-Rock-Album schon verdammt lange nicht mehr überrumpelt.

Die beiden Britinnen füllen ihr Debüt mit zackigen Beats, knuffigen Basslinien, fluffigen Gitarrenriffs, machen mit sperrig-spröde-eingängigen Smash-Hits wie „Ur Mum“, „Piece Of Shit“, „Too Late Now“ oder „Oh No“ einen Riesenspaß und holen den Sturm und Drang zurück in den Indie-Rock. Allerdings mit einem feministischen Twist, etwa wenn Teasdale sich in „Wet Dream“ weigert, irgendjemandes feuchter Traum zu sein: „What makes you think you’re good enough/ To think about me when you’re touching yourself?“ gr

Bester Song: „Chaise Longue“

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

03. Bill Callahan: Ytilaer

Post-Pandemie-Platten: ein schwieriges Genre, das man am besten einem unaufgeregten Meister der reduzierten Metapher und der gut abgetrockneten Pointe wie Bill Callahan überlässt. „And we’re coming out of dreams/ As we’re coming back to dreams“, fasst gleich die erste Zeile im Eröffnungssong, „First Bird“, die kollektive Erfahrung ebenso simpel wie treffend zusammen. Genauso fühlt es sich an, das überwunden geglaubte Trauma, das einen im Morgengrauen erst recht wieder heimsucht.

Es hilft, dass Callahans persönliche Reise als Autor und Mensch ihn in den letzten Jahren in Richtung einer bettwarmen Menschenfreundlichkeit befördert hat. Dieser Tage kann er ein Lied wie „Coyotes“ mit einer Zeile wie „Yes, I am your lover man“ beginnen, ganz ohne süffisant gelüfteten Mundwinkel. Das soll nicht heißen, dass er nicht mehr zu Sarkasmus fähig wäre, siehe sein Porträt inner-amerikanischer Aggression wie „Naked Souls“ oder die volle drei Minuten auf ihren Schlagzeugbeat wartende Seemannsballade „Everyway“.

Aber vor allem anderen ist, was uns dieser Mittfünfziger da mit gelassenem Bariton und weit vor Band und Bläser gemischter, sanft geschrammelter Nylonsaiten-Gitarre bietet, eine gute Stunde Weisheit und Trost. rr

Bester Song: „First Bird“

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

02. Weyes Blood: „An in the Darkness, Hearts Aglow“

Die internationale Kulturkritik liegt Natalie Mering alias Weyes Blood zu Füßen. Ihr spät im Jahr 2022 veröffentlichtes fünftes Studioalbum hat zu allerlei wohlmeinenden Kapriolen geführt. Etwa wenn „Pitchfork“ Andrei Tarkowskis Spielfilm „Stalker“ ins Feld führt, um den Spagat ihrer fragilen Song-Kompositionen zu beschreiben: „Härte und Stärke sind Begleiter des Todes. Flexibilität und Weichheit sind eine Verkörperung des Lebens.“ Der „NME“, seit geraumer Zeit auf Boulevard gebügelt, spricht von „einem der atemberaubendsten Alben des Jahres“. Die „New York Times“ attestiert der 34-jährigen Kalifornierin „eine wunderschöne Stimme im globalen Schmerz“.

Alles richtig, alles stimmt. In der Tat ist Mering in ihrer langen Karriere eine Art Optimalzustand zwischen künstlerischer Korrektheit und einer nonchalanten Sexiness, die sich etwa in ihrem koketten Matros:innen-Video zu der Single „It’s Not Just Me, It’s Everybody“ zeigt. Überhaupt geht bei ihr nichts, ohne eine filmische Umsetzung gleich mitzudenken. Dabei ist ihre Insiderkenntnis in puncto Horror-Trash absolut kongenial für ihren Hang zum quecksilber-sanften Gruselsound. Man darf gespannt sein, ob ihre Karriere bald kommerziell explodiert. rn

Bester Song: „The Worst is Done“

Youtube Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Abonniere unseren Newsletter
Verpasse keine Updates