Rollingstone.de trifft: The Wooden Sky. „Lass deinen Scheiß hinter dir und geh‘ raus in die Nacht!“


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Der Zweitling der Band aus Toronto – „If I Don’t Come Home You’ll Know I’m Gone“ – steht frisch im Plattenregal und macht sich in jeder Sammlung gut, in der auch Son Volt und Richmond Fontaine einen Platz gefunden haben. Kollege Brüggemeyer urteilte in der aktuellen Ausgabe auf dreieinhalb Sterne und konstatiert: „Dass die Kanadier Americana mindestens so gut beherrschen wie ihre südlichen Nachbarn, wusste man schon, als das Genre noch gar keinen Namen hatte. Schließlich haben The Band (zu 4/5 kanadisch) es ja erfunden. The Wooden Sky aus Toronto sind extrem stilsicher, haben zwischen Son Volt und Richmond Fontaine Platz genommen. Sie können opulent schwelgen, herzzerreißend harmonieren und knarzig den Roots huldigen. Gavin Gardiner gibt dazu den emphatischen Storyteller, singt von rastlosen Helden, von rollenden Rädern und schlagenden Herzen.“

Rollingstone.de sprach zum Release des Albums mit Gavin Gardener – Sänger, Songwriter und Gitarrist der Band. Das Interview führte Daniel Koch.

Euer aktuelles Album wurde an verschiedenen Orten eingespielt. Dennoch findet man das Wort „Home“ nicht nur im Albentitel, sondern auch immer wieder in den Lyrics – was bedeutet „Zuhause“ für dich, und wie wichtig ist es dir?

Es hat viele Bedeutungen, die sich permanent ändern. Wir waren zuletzt sieben von zehn Monate unterwegs – das hatte natürlich drastische Auswirkungen auf meine Definition eines „Zuhauses“. Im Titel „If I Don’t Come Home You’ll Know I’m Gone“ ist es eher als Bekenntnis oder Motto zu lesen und nicht als Klage, wie manche denken. Es soll ungefähr bedeuten: „Lass deinen Scheiß hinter dir und geh‘ raus in die Nacht!“

Während der Aufnahmen habt ihr für eine Woche in einem Ein-Zimmer-Appartement in Montreal gewohnt. Eine Lektion in Lagerkoller?

Wir lebten zeitweise zu neunt in diesem Zimmer – das fühlte sich manchmal natürlich genauso gequetscht und beengend an, wie es klingt. Aber wenn ich nun auf diese Zeit zurückschaue, muss ich sagen, dass es die wunderbarste und kreativste Erfahrung war, die ich bis jetzt in meinem Leben machen durfte. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich diese Zeit nun immer mit unserem Album in Verbindung bringen werde.

Wo wir gerade schon thematisch in Schlafräumen weilen: Ihr habt im vergangenen Jahr eine Tour namens „Bedrooms & Backstreets“ absolviert – was war die Idee dahinter?

Das war eine Tour, die wir letzten Sommer in Kanada gemacht haben. Wir wollten einfach raus aus den herkömmlichen Venues. Wir haben in Häusern, Parks, Kanus und sogar auf Güterwagons gespielt. Wenn man an diesen Orten spielt, bekommt man eine viel intensivere Verbindung zur Musik. Das ist natürlich keine wahnsinnig neue Idee oder Erkenntnis, aber es war bewegend zu sehen, wie begeistert die Reaktionen der Zuschauer waren. Eine Ideale Tour wäre für uns eine Mischung aus beidem: konventionelle Konzertvenues und zwischendurch immer wieder die Gelegenheit, die Verstärker unter den Arm zu klemmen und irgendwo aufzubauen.

Wenn man über euch liest, fällt immer wieder die fürchterliche Genrebezeichung „Folk-Rock“. Was denkst du über diese Schublade?

Ich habe es aufgegeben, mir darüber Gedanken zu machen, wie man unsere Musik kategorisiert. Letztendlich ist es doch egal. Ich hoffe nur, dass ich nicht der einzige bin, der das egal findet. Kategorisieren kann auch schnell in Abstempeln ausarten.

Spinnen wir das mal kurz weiter: Welchen Folk-Act und welchen Rock-Act schätzt du am meisten?

Michael Hurley ist eine verlässliche Konstante in meinem Leben geworden. Das mag nicht unbedingt klassischer Folk sein, aber er hat so eine einzigartige Art und Weise aufs Leben zu schauen. Auf der Rock-Seite ist es Tom Petty.

Ich sprach kürzlich mit Delta Spirit, die sich ja musikalisch ähnlich verorten. Sie sagten mir, dass sie die Theorie teilen, Folksongs seien eine lebhaftere Geschichtsschreibung als es Geschichtsbücher je sein können. Würdest du da zustimmen?

Ja. Folksongs liefern uns definitiv einen Blick auf die Geschichte, den man woanders nicht finden wird. Mündliche Überlieferungen sind dabei sehr wichtig: Diese Geschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden (und die uns dank Alan Lomax oder Harry Smith erhalten worden sind), helfen uns, diesen sonst recht abstrakten historischen Ereignissen ein menschliches Gesicht zu geben.

Du weißt ja: Wir Musikjournalisten sind manchmal ein fauler Haufen. Gib uns ein paar Mumford & Sons und ein paar Fleet Foxes, addiere ein paar weitere kommerziell erfolgreiche Acts hinzu, die ihre Gitarren vornehmlich akustisch klingen lassen – und schon rufen wir ein Folk-Revival aus. Wie denkst du darüber?

Ich glaube nicht, dass auch nur einer dieser Acts es im Sinn gehabt hätte, ein Revival oder einen Hype loszutreten. Mir gefällt der Gedanke, dass sie einfach die Musik spielen, die ihnen am Herzen liegt – und wenn man das dann Folk nennt, oder wenn es so klingt, dann ist das eben so. Und wenn sich das mal ausnahmsweise gut verkauft, ist das doch eine schöne Sache.

Der Song „An Evening Hymn“ beginnt mit der Zeile: „Winnipeg, I’m sorry for wearing your heart on my sleeve.“ Da musste ich zwangsläufig an „One Great City!“ von den Weakerthans denken, in dem John K. Samson im Refrain singt: „I hate Winnipeg.“ (hier anschauen). Kennst du den Song? Und was ist eigentlich so schlimm an Winnipeg, dass anscheinend jeder Künstler, der drüber singt, dort weg will?

Das Interview führte Daniel Koch. Mehr Infos, Videos und Songs findet auf der Myspace-Seite der Band.