Roskilde Daily. „U sexy mothermuckers!“ Der Freitag.


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Bikinis, Bäuche, Badehosen, Bermuda-Shorts, Bierdosen. Junge Menschen sängen in der Sonne, räkeln sich am Beckenrand, fläzen sich in Sonnenliegen, arschbomben sich vom Sprungbrett. Wo war man noch gleich? Ach ja, Rockfestival. Roskilde. Dänemark. Dass man sich inmitten einer typischen Freibadszene wähnt, die perfekt zum Wetter passen würde, liegt einzig an der „Werbung“ des Biersponsors, der mal eben einen Pool in Tuborg-Logo-Form in das Festivalgelände gepflanzt hat. Wer rein will, muss jedoch erst einmal eine Weile auf einem Generator strampeln. Erst wer seinen Teil an Elektrizität produziert hat, ist eingeladen, den Diver zu machen.

Seltsam originelle Ort wie diesen gibt es zuhauf auf dem Roskilde Gelände. Mal kommerzieller Natur, wie im Falle des Tuborg-Pools, mal eher politisch motiviert, wie das nach Wagenburg aussehende Areal in der Nähe des Elektrozelts „Cosmopol“, das sich ganz dem Kampf gegen den Faschismus widmet. Dort – im „Cosmopol“ – war es auch, wo man sich spontan entschloss, den Konzerttag schon um 14 Uhr 30 mit einer Band namens Teddybears einzuläuten. Die kannte man vielleicht noch aus der Crossover-Schublade, wo sie damals noch als als Teddybears STHLM unterwegs waren und schon recht früh den heut so gern gehörten Radaumix aus Elektro und Rock zelebrierten.

Wurden die Teddybears hierzulande lange Zeit eher belächelt, haben sie sich in den letzten Jahren vor allem in den skandinavischen Ländern eine recht ansehnliche Credibility erspielt – was sich auch daran zeigt, dass Iggy Pop sich nur zu gern für den Song „Punk Rocker“ der Teddybears hergab.

Dass man vor dieser Bühne richtig stand, merkte man schon lange vor Set-Beginn, denn das pickepack gefüllte Zelt dachte gar nicht daran, treudoof und stumm zu warten, dass es los geht, sondern schickte eine Klatschwelle nach der anderen in Richtung Bühne. Als dann der Vorhang fiel, lief wie auf Knopfdruck der ersten große Rave des Tages. Nur, dass man keinen DJ auf der Bühne hatte, sondern eine Show, die man mit den Worten „Darth Vader meets Winnie The Pooh“ ganz gut treffen würde. Die Teddybears traten dabei im schwarzen Smoking mit furchteinflößenden Teddybärmasken an, die diesem Stofftier auch den letzten niedlichen Zug nehmen. Dazu gab’s blechern verzerrte Vocals und den Sound von zwei Drummern. Denn, wie sie in ihrem Hit „Rocket Scientist“ singen: „Those drum machines ain’t got no soul!“

Das unerwartet frühe Verausgaben zu einer Band, die man noch so gar nicht auf dem Schirm hatte, führte einen irgendwie dazu, dass man sich im weiteren Tagesverlauf auch mal ein paar Experimenten zuwandte. Zum Beispiel der Klärung folgender Fragen:

Funktioniert eine weiß-gewandete, optisch jedes „World Music“-Klischee-erfüllende Band wie Tinariwen mit ihrem Sahara-Shoegazer-Sound auf einem Festival wie diesem? (Ein schlichtes aber deutliches: Ja.)

Können Bonaparte den Hype um ihren Bühnenzirkus auch über die Landesgrenze bringen? (Nein. Ihr spätes und gewohnt bunt maskiertes Auftreten interessierte um drei Uhr nachts anscheinend nur das aus Deutschland angereiste Roskilde-Publikum.)

Braucht man eine Reunion der „dänischen Scorpions“ (sehr treffender O-Ton des Motor.de-Kollegen) Dizzy Mizz Lizzy? (Ein schlichtes aber deutliches: Nein. Gerne auch mit Ausrufezeichen!)

Geht es vielleicht doch klar, dass Alice In Chains einen überzeugen wollen, dass sie auch ohne Layne Staley noch weitermachen? (Ein schlichtes aber deutliches: Jein. Es ist ja alles da. Die Kellergeschoss-Riffs, der Knietreter-Bass, die Jerry-Cantrell-Soli, und wenn man die Augen schließt, glaubt man gar manches Mal, da oben sänge Layne und nicht William DuVall. Vor allem, als sie „No Excuses“ vom großartigen Akustikalbum „Jar Of Flies“ spielen, oder „Would?“, oder „Angry Chair“ oder am Ende gar den „Rooster“. Und dennoch erfüllte einen dieser Gig schon wieder eher mit Traurigkeit, als mit der Nostalgie, die sie erwecken wollen.)

Bevor man sich der letzten dieser Fragen zuwandte, nämlich der, wer denn eigentlich diese Nephew sind, die als letzte Band auf die Hauptbühne durften, galt es zunächst, sich eine Dosis Rockstar-Power abzuholen. Die kommt bei den Them Crooked Vultures ja bekanntlich geballt. Das weiß jeder, der weiß, dass dort Dave Grohl von den Foo Fighters, Josh Homme von den Queens Of The Stone Age und John Paul Jones of Led Zeppelin-Fame musizieren. Dummerweise wissen die Vultures ebenso um ihre Starpower und zelebrieren diese an der Grenze zum Muckertum. Natürlich ist es eine Freude, „Mind Eraser, No Chaser“, den „Scumbag Blues“ und die „Dead And Friends“ live zu hören, vor allem, wenn die Drei die Songleinen schleifen lassen und plötzlich klingen, wie eine Jam-Band, die Fangen spielt, aber dennoch bleibt das Gefühl, dass die gesamte Performance eher eine Spielwiese ist, auf der jeder mal so darf, wie er will. Da mag es untereinander Funken sprühen, in Richtung Publikum tut es das jedoch nur bedingt, zumindest in der zweiten Hälfte des Sets, wo die Songausbrüche schon so langsam an Reiz verlieren und man eher denkt: „Is‘ gut, Jungs. Ihr SEID großartig. I get it.“ Andererseits ist dieses Gefühl ja aber auch nicht das schlechteste. Technisch versiert gespielte Rockmusik sieht man ja auch nicht so oft auf Festivalhauptbühnen. Also schickt man vielleicht eher – in Verneigung zu Prince, der am Sonntag als letzter Act die Hauptbühne dichtmachen darf – ein hochtönig gesungenes: „U sexy mothermuckers“ in Richtung der Vultures.

Die Band, die den größten Fanauflauf vor der Hauptbühne verursachte war dann eben Nephew, die man wohl als Lokalheroen bezeichnen muss. Immerhin spielen sie fast alle Jahre wieder auf dem Roskilde, und haben schon 2007 ähnliche Szenen verursacht (siehe Video) wie gestern.

Außerhalb Dänemarks sind Nephew vielleicht dem ein oder anderen durch den Song „Wannabe Darth Vader“ aufgefallen, der es dank MTV und Co. auch mal hier eine Weile in die Playlisten geschafft hat. Zuletzt wurden sie (verhaltens-) auffällig, weil sie einen Remix von „Allein Allein“ von Polarkreis 18 anfertigten, der ungefähr klingt, als hätten sich die Dresdener damals mit einer Depeche Mode-Coverband besoffen und dann beim morgendlichen Hangover gemeinsam einen Track gezimmert. Dieser Eindruck ändert sich auch nicht, als Simon Kvamm und seine Band besagten Song live bringen. Frenetisch abgefeiert wird er dennoch. Wie alles von Nephew. Allein allein: Man versteht es nicht. Kvamm ist eher verkrampft als charismatisch, spielt allen Ernstes eine Keytar auf der Bühne und schwankt mit seinem Liedgut zwischen besagten Depeche-Mode-Geklaue oder dänischem Stadionrock. Auch die auf Laserstrahlen und trashige 80er-Visuals setzende Bühnenshow strengt eher an, als dass sie irgendwas besser oder bunter macht. Und was zum Henker sollen die beiden DJs mit Pferdemasken, die auf einmal von einem riesigen Kran oberhalb der Bühne abgeseilt werden?

Aber, genug gemäkelt: Einige landestypische Dinge versteht man als Zugereister vielleicht auch einfach nicht. Lassen wir’s gut sein und den dänischen Gastgebern ihren Spaß und machen für heute Feierabend.

Daniel Koch