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Sarah Connor: „Ich vermisse die Bühne so sehr, dass ich kaum Worte finde!“


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Sarah, wie hast du persönlich die Einschränkungen durch die Pandemie bislang erlebt?
Die Tatsache, dass meine Crew und ich seit Monaten quasi stillgelegt werden, geht mir sehr nah. Wir sind in engem Kontakt, aber meinen Jungs geht es schlecht. Meine Musiker erzählen mir, wie sie jeden Tag üben, um sich in Form zu halten. Mein Drummer Felix Lehrmann und mein Percussionist Rhani Krija müssen allein für ihre Beweglichkeit und Muskulatur ihrer Arme und Hände täglich mehrere Stunden im Studio üben. Ich habe noch nie geübt, ich singe, wenn sich jemand daran erfreut. Nicht für mich alleine. Aber seit einem Jahr singe ich immer weniger, denn es macht mich traurig. In mir wird es stiller. Ich habe das Gefühl, ein Teil von mir stirbt. Die Arbeit im Studio ist mein einziger Trost, aber nicht vergleichbar mit der Bühne.

Wie waren die Reaktionen auf deinen unter den Eindrücken der Pandemie entstandenen Song „Bye Bye“?Herzerwärmend. Ich hatte für einen Moment wieder das Gefühl, mit ganz vielen Menschen in Verbindung zu treten. Fast wie bei einem Konzert. Das macht mich glücklich, ersetzt aber nicht das Gefühl, mit tausenden gemeinsam in Schwingung zu gehen und zu singen.

Gibt es auch positive Begleiterscheinungen, hast du aus der aktuellen Situation neue Erkenntnisse gewonnen?Ich bin natürlich viel mehr mit meinen Kindern zusammen und habe plötzlich kein schlechtes Gewissen mehr, mir mal zwei Stunden für mich zu nehmen, weil ich so oft im Mommy-Quality-Time-Plus bin wie seit 20 Jahren nicht. Wir spielen Brettspiele, kochen, lernen und machen Sport zusammen. Das ist ganz wunderbar. Dann fahre ich raus und reite ganz allein mit meinem Pferd aus. Das war noch nie da.

Wie geht es den Musikern und Crew-Mitgliedern, mit denen ihr arbeitet, seid ihr im Austausch?
Wir sind in engem Austausch, telefonieren regelmäßig. Dem einen geht es besser, dem anderen schlechter. Finanziell ist das alles ein riesen Fuck-up, doch mindestens genauso groß ist die psychische Belastung. Einige meiner Jungs haben keine Kinder oder Beziehung, die sind es einfach gewohnt, 300 Tage im Jahr unterwegs zu sein und körperlich zu ackern. Die Crew ist ihre Familie, der Job ihr „Kind“. Die sind wirklich verzweifelt. Ohne Kohle und ohne jemanden, der sie braucht. Auch mir geht es so. Man fühlt sich wie von der Politik aussortiert und auf dem Abstellgleis geparkt. „Du bist egal, keiner braucht Dich“. Dabei wissen wir alle, wie viel Freude wir Menschen zu Tausenden machen können, wenn wir das tun, was wir richtig gut können – Live-Musik!

Ein Konzert, die Nähe, das Erlebnis, die Verbindung, die die Musik zwischen uns schafft, lässt sich nicht über einen Handybildschirm fühlen

Wie stehst du zu Übergangskonzepten wie Streaming-Konzerten oder solche mit Hygienekonzept, gibt es diesbezüglich weitere Pläne?
Ich habe es ausprobiert und bin weiter offen dafür, schon allein, weil ich meiner Band und Crew jede Möglichkeit geben will zu arbeiten. Aber es ist natürlich für uns genauso wenig vergleichbar wie für die Fans. Ein Konzert, die Nähe, das Erlebnis, die Verbindung, die die Musik zwischen uns schafft, lässt sich nicht über einen Handybildschirm fühlen und auch bei uns entsteht nicht der gleiche Rausch, den ein Live-Publikum auslöst.

Wie sehr vermisst du die Bühne und den unmittelbaren Kontakt mit den Fans?
So sehr, dass ich kaum Worte finde. Es bricht mein Herz, wenn Fans Videos von Konzerten posten, auf denen Zehntausende schwitzende Menschen dicht an dicht mit den Armen in der Luft springen und singen, denn es kommt einem vor wie aus einer anderen Zeit. Und manchmal frage ich mich, ob es wohl jemals wieder so sein wird.

Wie sehr beeinflusst die Situation deine kreative Arbeit als Künstlerin?
Es ist mühsam und heilsam, wie immer. Meine Arbeit als Künstlerin verlangt, dass ich hinschaue und mich mit meiner Umwelt auseinandersetze, also das Gegenteil von dem, was ich in meinem täglichen Leben an Ablenkungsmanövern versuche.

Was fehlt dir aktuell am meisten?
Begegnungen.

Wie wird sich die Situation deiner Einschätzung nach in näherer Zukunft entwickeln, rechnest du damit, dieses Jahr Konzerte spielen zu können?
Ich habe Hoffnung, auch wenn es kaum welche gibt. Aber ich habe mich auch entschlossen, dass es mich nicht wieder so lähmen wird wie vergangenes Jahr und ich habe einige Ideen, was ich mit meiner geschenkten Zeit anstellen werde, falls ich nicht wie geplant auf Tour gehen kann.

Was ist sonst 2021 bei dir geplant?
In jedem Fall eine Special-Deluxe-Edition meiner letzten Platte „Herz Kraft Werke“ mit sechs neuen Songs.

Die Fragen an Sarah Connor wurden für die Titelgeschichte des aktuellen ROLLING STONE, BackToLive, schriftlich eingereicht und beantwortet.


Campino: „Ich bin der Pandemie für nichts dankbar!“

Die beiden kennen sich schon ewig: Campino, seit 39 Jahren Sänger der Toten Hosen, und Kiki Ressler, Chef von KKT (Kikis Kleiner Tourneeservice) in Berlin und seit 1984 auch bei jeder Tour der Düsseldorfer dabei. „Einer der ganz großen Glücksgriffe für uns“ nennt Campino ihn. Wie erleben sie die Corona-Zeit, welche Hoffnungen und Befürchtungen hegen sie? Natürlich haben auch diese zwei keine Kristallkugel und wissen nicht, wie es weitergehen wird. Kiki nennt seine Antworten also vorsichtshalber „Einschätzungen ohne Gewissheit“. Beide stellen vorab auch gleich klar, dass ihnen sehr bewusst ist, dass sie vergleichsweise kleine Sorgen haben. Wie geht es euch…
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