Kritik



Scorpions live in New York: „Golden Jubilee Bangladesh Concert“ – mit „Wind of Change“ für die Ukraine


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„Are you ready to rock?“ steht in großen Lettern auf dem Bühnenvorhang, hinter dem die Scorpions die ersten Takte ihres Auftritts im Madison Square Garden erklingen lassen. Eine gleichermaßen etwas altbackene wie ohnehin rhetorische Frage. Dass die Antwort des New Yorker Publikums an diesem Abend darauf „ja“ lautet, ist so sicher wie Klaus Meines Pfeifen im Intro von „Wind of Change“.

Apropos Madison Square Garden: Der mag die bekannteste Arena der Welt sein — von außen ist er derzeit eine einzige Baustelle und dadurch noch weniger von dem angrenzenden Bahnhof und den Metro-Stationen zu unterscheiden. Seine Atmosphäre (die sich im Grunde auch nicht so wesentlich von den Mercedes-Benz- und O2-Arenen dieser Welt unterscheidet) erschließt sich einem erst, wenn man nach der Sicherheits- und Ticketkontrolle mehrere Stockwerke per Treppe hochgegangen und im Inneren der Halle angekommen ist. Für die Scorpions könnte der Auftritt im „Garden“ längst Business as usual sein — schon seit vielen Jahrzehnten bespielt, schon oft ausverkauft. Heute ist es aber keine reguläre Headliner-Show, wegen der sich Klaus Meine, Rudolf Schenker und Co. in New York einfinden — sondern die Fortsetzung eines durchaus historischen Events.

Ein Konzert für Bangladesch

Am 1. August 1971 feierte man im Madison Square Garden das erste „Concert for Bangladesh“ — und damit die Unabhängigkeit des südasiatischen Landes von Pakistan. Organisiert wurde das Konzert von George Harrison und Ravi Shankar, als musikalische Gäste traten unter anderem Bob Dylan, Eric Clapton, Ringo Starr und Billy Preston auf. 51 Jahre später feierte man nun also eine Neuauflage des Konzertes unter dem Namen „Golden Jubilee Bangladesh Concert“ — und zelebrierte damit nicht nur die eigene Geschichte des Landes sowie seiner politischen Protagonisten, sondern präsentierte per Video auch die großen technologischen Pläne des Landes, die Bangladesch in Zukunft in die Liga von Industrienationen katapultieren sollen. Viel Imagepflege, viel Folklore, viel Futurismus — und eine Eröffnungsrede, bei der Politiker und Würdenträger Bangladeschs auf der Bühne standen und im Anschluss die Nationalhymne des Landes angestimmt wurde – bei der dann auch die Zuschauer im gesamten Madison Square Garden aufstanden. Faire Geste, befanden sich womöglich doch nicht all zu viele Bangladescher im Publikum. Einige Landespolitiker saßen in einer Art Ehrenblock. Der Unterschied zum ersten „Concert for Bangladesh“ besteht also darin, dass damals Geld gesammelt wurde, heute dagegen an ein Land erinnert werden soll, das seit seiner Unabhängigkeit seitdem große Sprünge gemacht hat.

Bevor die Scorpions  – die sich mit historischen Ereignissen und staatsmännischem Rock ja bestens auskennen– auf die Bühne kommen, spielte die bekannte bengalische Gruppe Chirkutt ein zwanzigminütiges Set, irgendwo zwischen Lokalkolorit und Pop, Sitar, Akustikgitarre und pumpenden Viertel-Bassdrums. Immer wieder betont die offensichtlich redefreudige Sängerin Sharmin Sultana Sumi, dass man nur zwanzig Minuten Zeit habe. Songs werden gekürzt, der Auftritt wirkt ein wenig gehetzt, aber durchaus charmant. Dann — wir waren ja bereits bei „Are you ready to rock“ — entern also die Scorpions die New Yorker Bühne, und zwar nicht mit einem Gassenhauer, sondern einem Stück vom aktuellen Album „Rock Believer“, dem Song „Gas In The Tank“. Das fügt sich ebenso gut in die Setlist ein wie die anderen neuen Stücke des Abends, „Peacemaker“ und „Rock Believer“.

Scorpions in Topform

Rudolf Schenker ist auch an diesem Abend das Rock gewordene Duracellhäschen. Der 73-jährige Gitarrist legt die meisten Bühnenmeter zurück (weitaus mehr als Klaus Meine), macht mit dem Plektrum-Arm die Windmühle, reißt den Mund weit auf, streckt die Flying V in die Luft, die andere Hand zum Peacezeichen geformt. Schenker ist der große Animator der Scorpions. Wie immer spielt er meist die Rhythmusparts und Riffs, setzt nur eher bei den langsamen Stücken zu Gitarrensoli an. Matthias Jabs hingegen steht, seine weiße Gibson Explorer mit schwarzen Streifen stets parat, eher ruhig da, übernimmt mit einem gelassenen Lächeln das Gros der Leadparts.

 

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Der intensive Drive der Band ist ist aber vor allem einem zu verdanken — dem ehemaligen Motörhead-Schlagzeuger Mikkey Dee, der seit 2016 Teil der Gruppe ist und mit seinem hochenergetischen, treibenden Spiel (gemeinsam mit Bassist Paweł Mąciwoda) den Sound der Band deutlich verjüngt. Und Klaus Meine? Der ist gut bei Stimme — und wirft für einen Nicht-Drummer überraschend viele Drumsticks ins Publikum (gerechtfertigt vielleicht dadurch, dass er ab und an mal auf eine Cowbell drischt). Besonders viele Worte über Bangladesch werden keine verloren. Klaus Meine gratuliert der Republik zum Jubiläum, lässt das Thema aber ansonsten außen vor.

„Wind of Change“ wird zum Ukraine-Song

Anders ist das bei „Wind of Change“ — denn das Stück, das die Band 1990 über die ehemalige UdSSR geschrieben und mit den Worten „I follow the Moskva / Down to Gorky Park / Listening to the wind of change“ begonnen hatte, wird im Rahmen des heutigen Ukrainekriegs natürlich in einem anderen Kontext gelesen – und auch von Meine interpretiert. „Im Herzen von Europa tobt ein schrecklicher Krieg, deswegen müssen wir diesen Song heute lauter denn je zuvor singen“, kündigt Meine das Stück an. Die erste Strophe dreht sich auch nicht mehr um die Moskwa und den Spaziergang zum Gorki-Park. „Listen to my heart / It says Ukrainia / Waiting for the wind to change“, singt er — und dann: „A dark and lonely night / Our dreams will never die / Waiting for the wind to change“.

„Still Loving You“ lassen die Scorpions an diesem Abend aus, dafür gibt es eine akustische Version von „Send Me An Angel“. Ansonsten hält man sich im 16 Songs umfassenden Set mit Balladen zurück — und treibt mit Mikkey Dees Drumsolo nach „New Vision“ die Energiekurve nochmal ordentlich nach oben. Auf der LCD-Leinwand gab es beim außerdem ein kleines, aber schönes Tribut an Mikkeys verstorbenen Motörhead-Kollegen Lemmy Kilmister — denn ein projiziertes Blackjack-Symbol zeigte Lemmys Profil. Mit „Big City Nights“ und „Blackout“ beendet die Band den Abend dann mit einem fulminanten Run. Nun, fast — das obligatorische „Rock You Like A Hurricane“ kommt als letzte Zugabe.

Als ganz so geschichtsträchtig wie das erste Konzert für Bangladesch wird der Abend voraussichtlich nicht in die Annalen politischer Musikgeschichte eingehen. Dafür als sehr gute, mitreißende Scorpions-Show. Sah das Publikum auch so, dass die Hannoveraner so feierte, als wären es ihre Jungs.

„New York, we love you“, schreit Klaus Meine am Ende. Es scheint, als wäre dieses Gefühl durchaus beidseitig — und weil sowieso nix mit Ruhestand ist, wird es sicher auch nicht das letzte Gastspiel im Madison Square Garden gewesen sein.