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Senioren verzweifelt gesucht!


Wo sind all die alten Leute? Dauernd wird vom demografischen Wandel geredet, aber im Fernsehen ist von Vergreisung keine Spur. Das fiel mir neulich auf, als ich den Spielfilm „Willkommen auf dem Land“ auf Arte sah, in dem Senta Berger und Günther Maria Halmer ein Rentnerpaar spielten, das von Berlin nach Mecklenburg-Vorpommern zieht, wo zunächst von „Landlust“ wenig zu spüren ist. Stattdessen die üblichen Klischees: Die Zugezogenen kämpfen gegen kleingeistige Ossis und Altkommunisten, Langzeitarbeitslose und Hippiespinner – aber am Ende wird alles gut, es braucht halt nur ein bisschen Verständnis füreinander! Warum der Film trotzdem schön war: Weil die beiden Alten so realistisch miteinander umgingen, sich Vorwürfe machten, nörgelten und schwindelten, aber doch nicht ohne einander sein wollten. Der raubeinige Charme Halmers, die natürliche Eleganz Bergers – so kann man dem Publikum offensichtlich doch mal Über-70-Jährige verkaufen.

In den 80er-Jahren gab es die Fernsehserie „Jakob und Adele“, in der Carl-Heinz Schroth und Brigitte Horney ein (wahrscheinlich) platonisches Liebespaar spielten, das Kriminalfälle löste und auch sonst jederzeit bereit war, sich einzumischen, wenn es irgendwo ungerecht zuging. Es kam uns nicht komisch vor, dass die Hauptdarsteller das Gegenteil von jung-dynamisch waren. Eine Krimi-Reihe nannte man Ende der 70er-Jahre gleich ganz keck „Der Alte“, die Lieblingsschauspieler der Nation hießen Heinz Rühman, Inge Meysel und Brigitte Mira. Die Faltendichte war enorm.

Mira tauchte 1992, zu Beginn der Daily-Soap, auch mal bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ auf. In den folgenden Jahren wurden alle älteren Darsteller nach und nach verabschiedet, sie starben oder wanderten nach Kanada aus. Inzwischen kommt einem zwischen all den (Spät-)Pubertierenden sogar der ewige Intrigenspinner Jo Gerner (Wolfgang Bahro) wie ein Greis vor. Er ist 52. Schon klar, die werberelevante Zielgruppe muss angesprochen werden, keiner will das wahre Alter mit all seinen fiesen Folgen – Falten, Buckel, Haarausfall – sehen, Fernsehen ist Eskapismus. Wenn schon alt, dann bitte schön wie Senta Berger und Mario Adorf, vielleicht noch Elmar Wepper. Aber so oft sieht man den auch nicht mehr im Fernsehen. Wo bleiben die großen Serienrollen für Christiane Hörbiger, Hannelore Elsner,  …? Die sogenannten „Best Ager“, sind vielleicht auch ein Klischee, aber lieber ein paar rüstige Alte als gar keine mehr.



Song des Tages: Rio Reiser - „König von Deutschland“

Es ist nahe liegend, „König von Deutschland“ als Zeitgeist-Phänomen zu deuten, als einen musikalischen Reflex auf die gesellschaftlichen Umbrüche in den 80er-Jahren: Der Traum von der Revolution ist ausgeträumt. Das Establishment hat gewonnen. Es bleibt nur noch der Marsch durch die Institutionen. „Keine Macht für Niemand“ ist nicht mehr. Der Anarchist von einst gibt sich als Monarchist zu erkennen. „Ich hätte zweihundert Schlösser und wär nie mehr pleite/ Ich wär Rio der Erste, Sissy die Zweite!“ Zu blöd ist nur, dass „König von Deutschland“ ein Lied ist, das noch aus Rio Reisers Ton-Steine-Scherben-Zeit übrig war. Mit einem anderen Text gab…
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