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Shirts
’n’Stories

Der japanische Bestseller-Autor Haruki Murakami schreibt in seinem schönen neuen Buch „Murakami T“ über seine T-Shirt-Sammlung. Sechs Rolling Stone-Autor*innen nehmen das zum Anlass, um über ihr liebstes Bandshirt zu schreiben.

Von Rolling Stone 21. Oktober 2021

Laura Giesdorf

Das T-Shirt habe ich am 31. August 1988 gekauft, nach dem Prince-Konzert im Hamburger Millerntor-Stadion. Wer Prince nicht kennt, kommt nicht unbedingt auf Prince: Sein Name fehlt, und er verbirgt sein Gesicht unter einer Polizeimütze. Lediglich der Titel seiner damals aktuellen Platte, „Lovesexy“, ist abgedruckt. Der Albumtitel ist irgendwie bescheuert und irgendwie geil. Das sah ich mit zwölf Jahren so, und das denke ich auch jetzt noch. Band-T-Shirts trage ich heute aber nur noch in geschlossenen Räumen oder beim Joggen, wo ich schnell außer Sichtweite geraten kann. Ich mag es nicht, auf Musik-Shirts angesprochen zu werden, dabei trägt man solche Shirts ja eigentlich nur, weil man sich über sie mitteilen möchte.

Ich finde es gut, dass ich dieses T-Shirt damals auch in der Schule getragen habe. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, was andere gedacht haben könnten. Wem das Album kein Begriff war, könnte bei „Lovesexy“ vermutet haben, dass ich mich selbst überaus sexy fand und das nach außen trug. Ignorante Menschen hielten die Musik von Prince für „schwul“, weil er sich, wie hier, auch wie eine Frau kleiden konnte, mit Top und Ohrringen. Gut möglich, dass manche gedacht haben, mein vorpubertäres Ich befände sich in einer Phase der sexuellen Orientierung, deshalb das Shirt, jeden Tag. Darüber habe ich jedoch nie nachgedacht, ich fand (und finde) einfach, dass Prince nie besser war als 1988, mit diesem Album und dieser Tournee. Gebrauchte Original-Shirts mit diesem Aufdruck gibt es im Netz für um die 300 Euro. Als ich es für dieses Foto wieder herausgekramt habe, war ich erstaunt darüber, wie gut erhalten es ist. Vielleicht ziehe ich es draußen mal wieder an, probeweise beim Schlendern zum Späti. Wenn mir dann jemand zunickt, weiß ich erst recht, dass ich alles richtig gemacht habe.

Laura Giesdorf

Am liebsten mag ich an diesem Band-Shirt, dass es gar keins ist – oder jedenfalls nur für Fans erkennbar. Außerdem ist es – neben einem Ringelpulli, den ich als 15-Jährige 1987 im New Yorker Kaufhaus Macy’s gekauft habe – das älteste Kleidungsstück in meinem Schrank. R.E.M. hatten sich 1992 für ihr achtes Album den Slogan „Automatic For The People“ geborgt – von eben dem Restaurant in ihrer Heimatstadt Athens/Georgia, in dem ich fünf Jahre später alles kaufte, was es an Werbeartikeln gab. Und als wir das frittierte Huhn mit Kartoffelbrei bestellten, stand tatsächlich der Besitzer Dexter Weaver hinter dem Tresen und sagte: „Automatic!“ – was so viel hieß wie: Gerne, kommt sofort! War dann auch köstlich, dieses Soulfood, allerdings nichts für Kalorienzähler. Die Klamotten gab es sowieso nur in L oder XL.

1997 war das, ich war mit Freunden auf einer skurrilen Pilgerfahrt durch die Südstaaten, freute mich an der roten Erde, den endlosen Zügen, den Wassertürmen und all dem, was ich aus den Songtexten längst kannte. Und wir kamen genau an dem Tag in Athens an, als die Lokalzeitung auf dem Titel ein Foto meiner Lieblingsband hatte – mit der Zeile: „Drummer leaving R.E.M.“. Ich saß in der Küche eines Bekannten, der wie ungefähr alle in Athens auch in einer Band spielte, und guckte bedröppelt in meine Teetasse. Zum Glück haben R.E.M. ohne Bill Berry weitergemacht, bis 2011, und doch war es das Ende einer Ära. Nach 17 Jahren das Ende von Berry/Buck/Mills/Stipe. Daran denke ich immer, wenn ich dieses Shirt sehe, und deshalb werde ich es behalten, bis es auseinanderfällt. Ich glaube, es schafft auch mindestens 31 Jahre – wie die beste Band der Welt.

Laura Giesdorf

Ende der 80er-Jahre hatte ich spätabends auf WDR1 einen Song mitgeschnitten (das einleitende Riff war mir allerdings entwischt), ohne zu wissen, wie er hieß und von wem er stammte. Ich hörte ihn oft, wenn ich, den Kopf an die Scheibe gelehnt, mit dem 163er Bus von der Schule in der nächstgrößeren Kleinstadt durch Felder und Wiesen zurück in unser Dorf fuhr. Ich erkannte mich in der Zeile „I recall a schoolboy coming home through fields of cane.“ Und auch ein paar Jahre später, als ich in einer größeren Stadt studierte, traf mich der Sänger, wenn er sang „I recall a bigger brighter world/ A world of books/ And silent times in thought/ And then the railroad/ The railroad takes him home/ Through fields of cattle/ Through fields of cane.” Mittlerweile wusste ich, dass die Band The Go-Betweens hieß, und ich suchte in dunklen, muffigen Plattenladenkellern nach ihren Alben. Nach dem Studium zog ich nach Hamburg, ein Jahr später nach München. Ich fremdelte ein bisschen mit der großen Stadt und der viel zu kleinen überteuerten Wohnung. Busse konnten mich von dort nicht nach Hause bringen, Bahnen hätten viele Wiesen und Felder durchqueren müssen. Erst das Konzert der Go-Betweens im Mai 2003 ließ mich schließlich am neuen Wohnort ankommen. Es war eine Art Heimspiel für die Band, die familiäre und freundschaftliche Bindungen an Bayern hatte. Ein naher, intimer, herzwärmender, lustiger Abend, wie man ihn sonst nur mit alten Freunden haben konnte. Und alle, die an diesem Abend in der Muffathalle dabei waren, waren für zweieinhalb Stunden meine Freunde. „Meinen“ Song spielten die Go-Betweens zwar nicht, aber nach dem Konzert kaufte ich mir ein T-Shirt, auf dem das Label der „Cattle And Cane“-Single abgebildet war, und zog es auf dem Heimweg gleich an. „Alone, and so at home.“

Laura Giesdorf

Dieses Shirt, versehen mit einem Aufdruck des Covers der Platte „Unknown Pleasures“ aus 1979 von Joy Division, habe ich vor 7 Jahren in einem Second-Hand-Store in Berlin Mitte erstanden. Hauptsächlich, weil ich nach einmal “Love Will Tear Us Apart”-Hören dem Bassbariton von Ian Curtis verfiel. Entgegen der unverwechselbaren Hoffnungslosigkeit in der Stimme des Briten genießt die ikonische Illustration, eine Darstellung von Radiopulsen eines Pulsars, eines schnell rotierenden Neutronensterns, mittlerweile einen Kultstatus losgelöst vom Album und jenseits des Post-Punks.

Ich war gerade mal zwanzig und kam nach Berlin, um dem in vielerlei Hinsicht Schüssel-hohen Tellerrand meiner Heimatstadt zu entkommen. Die Entdeckung von Joy Division zählt zu den Momenten in meinem Studentendasein, die mich glauben ließen, ich hätte soeben den Teller samt Rand gegen eine mit Kaugummi beklebte Wand geschmettert.

Über die 7 Jahre hinweg, die ich das Shirt nun besitze, hat es sich Dank lausiger Qualität selbstständig Belüftungslöcher unter den Achseln zugelegt. Und auch meine Begeisterung für Joy Division hat gelitten, weil der Kauf des Shirts mich dazu bewogen hatte, schließlich das ganze Album zu hören. Das Vertrauen in die Platte und der Drang, ein entsprechendes Shirt zu besitzen, beruhte nämlich auf gerade mal zwei Tracks, „She’s Lost Control“ und „Disorder“. Der treibende bis heroische Sound dieser beiden Titel verlor sich auf einmal im stimmungssenkenden Rest der Platte, was wiederum im unvereinbar starken Kontrast zu meiner wachsenden Begeisterung für House-Musik stand, der ich an den Wochenenden in meiner Lieblingsbar „Trust“ frönte. Diese oft eher alkoholisierte Beziehung zu elektronischer Musik habe ich zwar aufgegeben, aber meine Einstellung gegenüber „Unknown Pleasures“ hat sich trotzdem kaum verändert. Wenn ich mir jetzt noch mal ein Shirt mit Joy Division-Cover kaufen sollte, wäre es vermutlich einer Single gewidmet, beispielsweise der Winterlandschaft von „Atmosphere“. Bis dahin werde ich das Teil als Mahnmal für unbedachte Bandshirtkäufe aufbewahren, irgendwo weit unten in meinem Pyjamastapel.

Laura Giesdorf

Ich war fassungslos, als Christopher Owens im Frühjahr 2012 seine Band Girls auflöste. Sie standen doch in schönster Blüte, hatten in drei Jahren zwei Alben und eine EP gemacht, ein Lied besser als das andere. Und ich hatte sie doch erst ein halbes Jahr zuvor live gesehen, im Hamburger Kellerclub Molotow, mit hundertfünfzig anderen Entzückten, völlig eingenommen von Owens‘ Verletzlichkeit, seiner dünnen, brüchigen Stimme, seinem Fifties-Songwriting, seiner Aura.

Frische Schnittblumen hatten die Monitore und Verstärker dekoriert. Die Bühne war so niedrig, dass sie mir bis zum Knie reichte. Wir waren aus Kiel angereist, was in der ersten Reihe niemanden beeindruckte; die anderen kamen aus Stockholm und Kopenhagen, eine kleine Gemeinde Eingeweihter, zum Gottesdienst gepilgert. Es gibt keine Bilder von dem Konzert, keine Videos auf YouTube, es gibt nur Erinnerungen: Chris Owens direkt vor mir, die Haare im Gesicht, Augen geschlossen, der schmale Oberkörper im Muskelshirt, und neben ihm JR White, die andere Hälfte der Band, der Bassist, der Produzent, der Owens‘ Emotion in Form brachte, mehr als einen Kopf größer als er, stämmiger, sachte im Takt schwingend. „Reach out“, flehte Owens im Song „Laura“, „and touch me, I’m right here“, und wir streckten unsere Hände aus. Der Schweiß tropfte von der Decke, es gab keinen Sauerstoff mehr im Raum, nur die Gitarren, das Schlagzeug, den Gesang, seinen und unseren.

Owens begann eine Solokarriere, nach der Auflösung der Band, veröffentlichte Country- und Gospelalben, und seit sechs Jahren nichts mehr. Vor der Band war er eine Zeit lang obdachlos gewesen, ein Lebenskünstler, und nun ist er wieder ein Nomade geworden, lebt in seinem Auto, schläft an der Luft. JR White hat nach dem Ende der Band nicht mehr viel gemacht, er baute ein Studio, in dem dann nichts aufgenommen wurde. Es heißt, er hatte es nicht leicht. Letztes Jahr ist er gestorben.

Es gibt keine Fotos von dem Konzert, keine Videos auf YouTube, aber es gibt die in rotem Fineliner handgeschriebene Setlist, die ich damals von der Bühne gegriffen habe und die heute in meinem Schlafzimmer hängt­­. Und es gibt das T-Shirt.

Laura Giesdorf

Mein erstes Band-Shirt war von The Fall. Es war nicht sonderlich schön, es stand The Fall in einer Kritzelschrift darauf, als hätte ich es selbst beschriftet. Aber ich mochte The Fall und nicht viele Menschen mochten The Fall, die meisten, die ich kannte, kannten sie gar nicht. Ich kaufte es, um zu zeigen, dass ich sie mochte. Ich kaufte es, um zu zeigen, dass ich Bescheid weiß.

Ich habe immer wieder mal ein Band-Shirt gekauft, nach Konzerten, die mich begeistert haben. Und irgendwann nicht mehr. Oder nur noch ganz selten, zuletzt am Merchstand bei D’Angelo. Denn Band-Shirts kauft man natürlich nur nach Konzerten am Merchstand, nicht bei Urban Outfitters oder Amazon. Es ist auch nicht so, dass mich später keine Konzerte mehr begeistert hätten, immer wieder begeistern mich Konzerte, aber die Begeisterung für Band-Shirts hat nachgelassen. Vielleicht auch die Begeisterung für das Bekenntnis auf der Brust.

Und dann, neulich, habe ich doch zum ersten Mal ein Band-Shirt in einem Laden gekauft. „Listen to Bad Brains“ steht drauf. Ich mochte die Bad Brains sehr gerne, eine afroamerkanische Punkband vom Ende der 70er, Anfang der 80er-Jahre, die ich leider nie live gesehen habe. Ich mochte die schlichte Block-Typo mit der schlichten Aufforderung sofort. Ich mochte, dass die Aufforderung auch für Leute funktioniert, die nicht wissen, dass die Bad Brains eine Band sind. Ich wiederum wusste zunächst nicht, dass das Shirt von der Skatemodenfirma Element hergestellt wurde, die sich die Rechte an dem Namen durch die Rechteverwalter der Band haben genehmigen lassen. Deshalb steht am Ärmel der kleine Hinweis „Element x Bad Brains“. So wie „Kanye x Nike“. Aber es stört mich nicht. Meistens trage ich eine Jacke drüber.

Schade, dass ich das Fall-T-Shirt nicht mehr habe.